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27. Dezember 2018

Dr. Célia Steinlin, Psychotherapeutin und Supervisorin von Betreuungspersonal in Asylunterkünften

 
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Als Expertin im Bereich Kinder- Jugend und Familienpsychologie und als Supervisorin von Betreuungspersonal in Asylunterkünften kann Dr. Célia Steinlin einen grossen Leistungsausweis vorweisen. Die Psychotherapeutin und Dozentin an der ZHAW engagiert sich auch für das Aus- und Weiterbildungsprogramm bei ORS.

 

Was sind die typischen Symptome für psychisch vorbelastete Asylsuchende/Klienten und worauf muss in der Betreuung besonders geachtet werden?
 

Belastende Lebensereignisse oder traumatische Erfahrungen, wie viele der Asylsuchenden sie erlebt haben, können zu einer ganzen Bandbreite von Symptomen führen. Sehr häufig entsteht eine allgemeine Übererregung und Anspannung, die sich in Form von Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit zeigen kann. Oftmals leiden die Betroffenen unter Erinnerungen an die schlimmen Erlebnisse und unter Albträumen. Die Erinnerungen können ganz unerwartet ausgelöst werden, z.B. durch bestimmte Geräusche, Gerüche oder Körperwahrnehmungen. Es kann dann zu heftigen Reaktionen wie Wut oder Trauer kommen. Belastende Lebensereignisse und unsichere Lebensumstände können auch zu negativen Gedanken über einen selbst, die Umwelt und andere Menschen führen und zu einem allgemeinen Misstrauen sowie zu einer eingeschränkten Selbstwirksamkeitserwartung. Es ist für die Betreuungspersonen eine Herausforderung, das Gleichgewicht zwischen Verständnis für und Förderung des Asylsuchenden zu finden und den individuellen Möglichkeiten und Grenzen gerecht zu werden, zumal der Gesundheitszustand der Asylsuchenden sich immer wieder ändern kann.

 
In wie weit darf man sich als Betreuungsperson auf die Asylsuchenden einlassen? Professionalität versus Empathie/Humanität?
 

Aus meiner Sicht sind Professionalität und Empathie oder Humanität keine Gegensätze. Wichtig ist aber, dass die Betreuungspersonen sich ihrer Möglichkeiten und Grenzen bewusst sind und z.B. keine Versprechungen oder Beziehungsangebote machen, die sie nicht halten können. Die Betreuungspersonen können in der Regel weder die Vergangenheit noch die Zukunft der Asylsuchenden und Flüchtlinge verändern und auch nicht z.B. politische Entscheidungen beeinflussen. Sie können ihnen aber mit Wertschätzung, Respekt und Wärme begegnen und ihnen dadurch Sicherheit vermitteln. Wichtig ist, dass die Betreuungspersonen gut auf sich und ihre eigene Gesundheit achten, z.B., indem sie selbstfürsorglich mit sich umgehen und indem sie reflektieren, was in ihrem Einflussbereich liegt und was nicht.

 

Welche Hilfsmöglichkeiten sehen Sie, wenn man mit belastenden Situationen nicht fertig wird?

Dass es zu Phasen kommen kann, in denen sich jemand gestresst und müde fühlt, mehr Hilflosigkeit oder Frustration spürt und weniger gut mit den belastenden Lebensgeschichten der Asylsuchenden umgehen kann, ist ganz normal. Kritisch wird es dann, wenn jemand freie Tage oder Ferien nicht mehr nützen kann, um sich zu erholen, ständig von Gedanken an die Arbeit geplagt wird und zunehmend das Gefühl hat, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Idealerweise setzt man aber nicht erst dann an, sondern viel früher, präventiv. Auf der individuellen Ebene ist es wichtig, dass man sich mit anderen austauscht, sich Rat einholt, auch mal Verantwortung abgeben oder «Nein» sagen kann.
 

Wie gut es den einzelnen Betreuungspersonen geht, hängt aber auch stark davon ab, wie das Klima in der Einrichtung ist und ob sich die Betreuungspersonen von ihren Vorgesetzten und Teamkollegen unterstützt und wertgeschätzt fühlen. Es ist erwiesen, dass ein starkes Kohärenzgefühl förderlich für die Gesundheit ist. Kohärenzgefühl bedeutet, dass jemand sein Leben als verstehbar, bewältigbar und sinnhaft erlebt. Das lässt sich auch gut auf die Arbeit anwenden. Das Kohärenzgefühl kann gefördert werden durch Fortbildungen, durch Super- oder Intervisionen und durch Austausch mit Kollegen und Kolleginnen. So können schwierige Situationen im Arbeitsalltag besser eingeordnet und Handlungsmöglichkeiten erweitert werden. Sinnhaftigkeit hängt ausserdem mit Freude und positiven Erlebnissen zusammen. Es ist wichtig, sich immer wieder zu bemühen, im Team und mit den Asylsuchenden entspannte und vielleicht auch lustige Momente zu schaffen und zu einander zu schauen, auch wenn das in Zeiten grosser Belastung schwerfällt.

 



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