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Empowerment: Asylsuchende auf Gemeindeebene betreuen

07. November 2017

Wie können Betreuerinnen und Betreuern Asylsuchende in Gemeinden dabei helfen, aktiv ihre Zukunft zu gestalten und selbst Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen? Damit beschäftigt sich der Weiterbildungskurs „Empowerment als Handlungsansatz in der Betreuung“. Betreuerinnen und Betreuer lernen, wie sie die Asylsuchenden mit Hilfe des Empowermentansatzes auf dem Weg in ein eigenständiges Leben unterstützen können.

Der Kurs fand am  5.10.2017 statt. Referent Marc Suter ist als Operativer Leiter und verantwortlich für die Gemeindemandate der ORS. Wir sprachen mit ihm über den Weiterbildungskurs, den Betreuungsansatz und seine persönlichen Erfahrungen.

Marc, welchen Herausforderungen stehen Asylsuchende und Flüchtlinge in Gemeinden gegenüber?

Bevor die Asylsuchenden in die Gemeinde kommen, leben sie meist zunächst in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum und anschliessend in einem Durchgangszentrum. Dies über viele Monate. Dort sind häufig während 24 Stunden Betreuer vor Ort und mehr oder weniger wird der Tagesablauf vorgegeben. Wenn sie in eine Gemeinde kommen, fällt das weg.

Sie sind wieder mehr auf sich selbst gestellt. Allein dieser Umstand kann schon herausfordernd sein. Denn die Asylsuchenden befinden sich in einer fremden Umgebung, kennen die Sprache und die Leute nicht. Oftmals werden sie seit ihrer Flucht aus dem Heimatland immer wieder fremdbestimmt: durch Schlepper, bei den Grenzübertritten, in betreuten Asylzentren etc. Darauf können Menschen mit Resignation reagieren und das erzeugt ein Gefühl der Ohnmacht. Ein solch erlebtes Gefühl der Ohnmacht gründet auf den Erfahrungen von Menschen, einer Lebenslage, Situation oder einem Ereignis passiv-hilflos ausgesetzt zu sein. Dies führt zu einem andauernden Gefühl der Machtlosigkeit. Man nennt das auch „erlernte Hilflosigkeit“. Sie denken, keinen Einfluss mehr auf ihr Leben nehmen zu können und fallen in eine Art Lethargie und reagieren mit Rückzug und schlussendlich mit sozialer Isolation.

Hinzu kommt, dass es in der Gemeinde zwar regelmässig und wöchentlich, jedoch „nur“ noch ambulanten Kontakt mit einem Betreuer gibt. Die restliche Zeit sind die Asylsuchenden wieder auf sich gestellt. Das kann, kombiniert mit dem Gefühl von Ohnmacht und Fremdbestimmtheit,  wie gesagt zu einem sozialen Rückzug führen. Und dadurch werden sie schlussendlich noch abhängiger. Die Konfrontation damit ist eine massive Herausforderung.

Was versteht man unter dem Empowermentprozess?

Das Empowerment ist als wichtiger Bestandteil des professionellen Handelns aus der Sozialen Arbeit nicht mehr wegzudenken. Man fasst es unter dem Arbeitsprinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ zusammen, sprich aus einer Hilflosigkeit hin zu einem eigenständigen Leben. Sozialarbeitende übernehmen dabei eine unterstützende Funktion und fördern die (Wieder-)Herstellung eigener Fähigkeiten und Ressourcen. Dieser Prozess kann unter den Begriffen der Selbstbefähigung und Selbstermächtigung Betroffener zusammengefasst werden. Somit beschreibt der Empowementprozess den Weg des Menschen aus einer Machtlosigkeit und Fremdbestimmung hin zu einer Selbstermächtigung und Selbstbestimmtheit.

Die Geschichte des Empowerments ist auf die Vorläufer der Bürgerrechtsbewegung der USA zurückzuführen, die Unabhängigkeitsbewegung der schwarzafrikanischen Staaten und das Ende der kolonialen Besatzungspolitik. Dabei stand die kulturelle, soziale und ökonomische Freiheit im Zentrum. Die Selbstorganisation der Menschen führte zu einem Ausweg aus der Ohnmacht und zu einer Stärkung des Selbstwertgefühls.

Wie können Betreuerinnen und Betreuer Asylsuchende mit dem Empowermentansatz am besten unterstützen?

Empowerment hat viel mit der eigenen Haltung als Betreuer und einem bestimmten Menschenbild zu tun. Der Ansatz geht davon aus, dass jeder Mensch Fähigkeiten und Ressourcen hat. Oft sind sie jedoch durch das Ohnmachtsgefühl verschüttet. Es gilt, diese zu erkennen und wieder zu mobilisieren. Das Ziel ist, dass der Asylsuchende ermutigt werden, ihre eigenen Fähigkeiten und Kräfte zu entdecken und auf diese Weise in die Lage versetzt werden, ihre Lebenswelt eigenständig und eingenverantwortlich mitzugestalten sowie Ressourcen wieder produktiv zur Bewältigung belastender Lebensumstände einsetzen zu können.

Der Prozess ist auch ein Lernprozess. Hier ist der Sozialarbeiter gefordert: Er muss aushalten können, dass der Klient am Anfang vielleicht in eine falsche Richtung läuft. Und auch, dass jeder Mensch Eigenheiten mitbringt und diese vielleicht nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Die Betreuungspersonen müssen auch die Fähigkeit haben, von ihrem „Expertenurteil“ wegzukommen und zu erlauben, dass es auch andere Lösungswege gibt.

Was bedeutet das konkret für die tägliche Arbeit? Ein einfaches Beispiel aus der Praxis ist zum Beispiel die Wohnungssuche. Natürlich kann man als Betreuer den Klienten bei der Hand nehmen, mit ihm zur Wohnungsbesichtigung gehen, das Anmeldeformular für ihn ausfüllen und für ihn mit dem Vermieter sprechen….eben der Experte sein. Das erlaubt dem Klienten jedoch nur eine passive Rolle. Arbeitet man nach dem Empowermentansatz, begleitet man ihn nicht unbedingt zur Wohnungsbesichtigung. Hier sollte die Grundüberzeugung einsetzen, dass jedes Individuum über die Kraft und die Fähigkeit verfügt, ein eigenständiges Leben zu führen. Die Umsetzung dieses Arbeitsprinzips verlangt somit in so einer Situation die Eingrenzung der Expertenmacht. Das Empowerment-Konzept sieht hier die Rolle des Sozialarbeitenden in der Unterstützung der Adressaten in der Entwicklung von eigenen Lösungswegen und Strategien. Kurz gesagt könnte ein Professioneller wie folgt unterstützen: Dort ist die Wohnung, machen sie sich selbst ein Bild, kommen sie wieder zurück und sagen mir, wie sie es gefunden haben‘. Wenn er mit dem Anmeldeformular zurückkommt, lässt man es ihn selbst ausfüllen, sitzt evt. daneben und unterstützt nur auf Wunsch. Es sind kleine Schritte, aber der Klient kann diese selbstständig und ohne Bevormundung gehen. Bereits der Prozess gibt ihm Autonomie zurück, und er kann von Mal zu Mal selbstständiger und selbstbestimmter agieren.

Der Betreuer muss hier aushalten können, dass es vielleicht nicht immer so schnell geht, wie wenn er es selbst machen würde. Auch muss eine Betreuungsperson empathisch sein können.

Wie wichtig ist die persönliche Haltung der Sozialarbeiter in der Betreuung?

Die persönliche Haltung der Sozialarbeitenden ist sehr wichtig. Das gilt vor allem in Bezug auf das Menschenbild. Dieses sollte sich an den Ressourcen und Stärken des Individuums orientieren und nicht an seinen Defiziten. Die betreuten Klienten werden nicht als Bedürftige wahrgenommen, sondern als eigenständige und kompetente Akteure, die ihr Leben selbst gestalten können und dies ohne Bevormundung.

Weitere Aspekte sind ebenfalls wichtig. Die Klienten sollen autonom und selbstverantwortlich leben. Das gilt auch für fremde, für uns nicht konventionelle Lebensläufe. Manche Klienten haben ein anderes Verständnis von Zeit. Es kann für die Betreuer eine Herausforderung sein, auf einen sehr engen Zeithorizont und standardisierte Hilfspläne zu verzichten. Und zur Betreuungshaltung gehört auch die „normative Enthaltsamkeit“: der Verzicht auf ein entmündigendes Expertenurteil.

Was konnten die KursteilnehmerInnen für ihre tägliche Arbeit mitnehmen?

Der Kurs gliedert sich in zwei Blöcke: vormittags Theorie und nachmittags Theorie-Praxisintegration anhand einer Gruppenübung.

Der Morgen dreht sich ganz stark um die Haltung in der Betreuung von Asylsuchenden auf Gemeindeebene. Was die Teilnehmenden sicher mitnehmen ist das Bewusstsein, wie sehr wir Menschen unbewusst kategorisieren und wie stark dies und die eigene Haltung die Arbeit beeinflusst, dass es verschiedene Arten von Lebensentwürfen gibt und dass es nicht unsere Aufgabe als Sozialarbeiter ist, diese zu bewerten.

Die Übung am Nachmittag verdeutlicht, was es bedeutet, hilflos, fremdbestimmt und im eigenen Handlungsspielraum eingeschränkt zu sein. Den Teilnehmern, welche die Betreuungsrolle übernehmen, führt sie vor Augen, dass ich als Betreuer auch Ziele mit einem Mensch erreiche, ohne ihm alles vorzugeben, wenn ich den Betroffenen als Hauptakteur handeln lasse.

Die Weiterbildung soll keine ‚pfannenfertige Tipps‘ liefern. Sie soll dabei helfen, die eigene Haltung und das Menschenbild zu reflektieren und idealerweise einen Prozess auslösen.

Welche Erfahrungen habt ihr auf Gemeindeebene mit dem Empowermentansatz gemacht?

Wir leben diesen Ansatz ganz stark. Vereinfacht bedeutet das „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wir arbeiten nach dem Empowermentansatz – wir müssen auch, weil wir ja nicht 24 Stunden in den Gemeinden vor Ort sind.

Ich mache seit Jahren gute Erfahrungen damit. Auch in meiner früheren sozialpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen habe ich nach diesem Ansatz gearbeitet. Wenn ich heute sehe, was aus vielen meiner Bezugsjugendlichen geworden ist, welchen Weg sie gemacht haben und wenn ich heute mit ihnen spreche, gibt es mir die Bestätigung, dass dieser Ansatz  geeignet war, wenn auch nicht der einfachste. Oft fällt es neuen Mitarbeitenden anfangs schwer: ‚Nein, ich kann meinen Klient doch jetzt nicht alleine gehen lassen. Er redet doch die Sprache nicht, er kann das doch nicht‘. Im Prozess jedoch merken die meisten, dass sie defizitorientiert denken und sie lernen zu erkennen, was ihre Klienten gut können bzw. welche Fähigkeiten sie haben. Natürlich läuft es bei manchen Klienten besser als bei anderen. Aber ich halte Empowerment für den richtigen Ansatz für unsere Arbeit und finde es wichtig, davon auszugehen, dass alle Menschen persönliche Ressourcen haben. Wir versuchen – unter Einbezug des Klienten – diese zu erkennen. Die Partizipation des Klienten muss dabei sehr hoch sein.

Bist du zufrieden mit der Kursdurchführung?

Ich bin sehr zufrieden, es war eine lässige Gruppe mit einer guten Gruppendynamik. Mit max. 10 Personen ist es ein idealer intimer Rahmen, um sich auch bei den persönlichen Fragen zur Haltung und in Bezug auf das eigene Menschenbild zu öffnen und zu reflektieren.

 

 

Das vollständige Weiterbildungsangebot der ORS finden Sie hier.



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