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„Tea Party“ im Durchgangszentrum Oberembrach – ein geschützter Raum für Frauen

02. Mai 2017

Nach und nach füllt sich der Raum mit asylsuchenden Frauen. Ein paar von ihnen bringen selbstgebackene Süssigkeiten mit. Tee, Kaffee, Kuchen und Obst stehen bereit. Daniela Roth hat den Tisch schön gedeckt. Die Frauen begrüssen sich, jede bekommt ihren Tee. Und dann fangen sie an, zu reden.

Alle zwei Wochen findet die „Tea Party“ im Durchgangszentrum Sonnenbühl in Oberembrach statt: ein Nachmittag nur für asylsuchende Frauen. Das Treffen etabliert hat Daniela Roth, seit 1,5 Jahren Betreuerin bei der ORS und seit einigen Monaten stellvertretende Zentrumsleiterin. Eingeladen wird mit einem Aushang in Englisch und Deutsch und natürlich in persönlichen Gesprächen. Ausserdem hat sich herumgesprochen, dass an der Tea Party interessante Unterhaltungen stattfinden. Wenn es ihnen möglich ist, nehmen deshalb alle Frauen daran teil. 15 Uhr ist eine gute Uhrzeit um bei Tee und Kuchen über ihre Anliegen zu sprechen: Der Deutschunterricht für die Erwachsenen ist zu Ende. Deshalb können die Väter auf die Kinder, die eben aus der Schule kommen, aufpassen. Das klappt meistens ganz gut.

Die „Tea Party“ bietet den asylsuchenden Frauen aus Eritrea, Pakistan, dem Irak oder Syrien einen geschützten Raum. Hier können sie sich austauschen, von ihren Erlebnissen und Ängsten erzählen. Sie bekommen Informationen über das Leben, die Rolle der Frau und ihre Rechte in der Schweiz. Und sie können in einer offenen Atmosphäre Fragen stellen.

Offener Austausch unter Frauen

Die Frauen sprechen darüber, was sie aktuell umtreibt. Das Gespräch und die Themen ergeben sich dabei ganz natürlich. „Wenn die Frauen über Kindererziehung reden oder darüber, dass der Mann gerade nervt, ist es im Grunde völlig egal, woher eine Frau kommt“, sagt Daniela Roth. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass die kulturellen Hintergründe und der Bildungsstand der Frauen recht unterschiedlich sind.

Bei anderen Themen hingegen merkt man das schon. „Einmal haben wir gespendete Damenhygienepäckchen verteilt“, erzählt die Betreuerin. Da seien auch Tampons dabei gewesen. Beim Verteilen haben sich alle bedankt und die Päckchen mitgenommen. Bei der nächsten Tea Party kamen dann Frauen mit einer Tamponschachtel und fragten nach. „Da wird gekichert, da wird gelacht, und ich erkläre ihnen dann, was das ist und wie das benutzt wird.“

Doch Erklärungen dieser Art sind eher selten.  Die asylsuchenden Frauen lernen die kulturellen Unterschiede schnell kennen. Falls doch Erklärungen nötig sind, finden sie im Rahmen der allgemeinen Betreuung in der konkreten Situation statt: Zum Beispiel wird Nutzung des Herds direkt in der Küche erklärt.

Viele der Frauen haben bereits gehört, dass die Frauen in der Schweiz gleichberechtigt sind. Es interessiert sie, was das konkret bedeutet. Anlässlich der Tea Party haben sie die Gelegenheit, danach zu fragen: Etwa wie es funktioniert, dass viele Mütter auch arbeiten und deshalb Hausarbeit und Kindererziehung zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden.

Auch sehr persönliche Themen werden angesprochen: Eine alleinstehende Asylsuchende ist schwanger. Sie fürchtet gesellschaftliche Ächtung wie in ihrem Heimatland. Andere Frauen, die sich bereits ein bisschen auskennen mit dem Leben in der Schweiz erklären ihr, dass sie davor keine Angst haben muss. Sie erzählen ihr, was sie bereits über das Leben Alleinerziehender in der Schweiz wissen. „Ich ergänze dann noch weitere Informationen, z.B. dass sie Hilfsangebote und Beratung in Anspruch nehmen können und die Gesellschaft Alleinerziehenden eher mit  Respekt begegnet“, sagt Daniela Roth.

So entstehen aus persönlichen Anliegen der Frauen Themen, die in der Runde besprochen werden. Neben allgemeinen Fragen zu Kindern, z.B. zu Schule und Erziehung, sind die Stellung der Frau in der Schweiz, ihre Möglichkeiten und auch intime Frauenthemen wie Verhütung oder Geschlechtskrankheiten wiederkehrende Themen. Manchmal erzählen sie auch, was ihnen auf der Flucht widerfahren ist. Andere frauenspezifische Themen wie etwa Genitalverstümmelung betreffen nur eine bestimmte Gruppe der Frauen und wurden bisher in den Gesprächsrunden noch nicht angesprochen. Das Gespräch über spezielle Traditionen oder medizinische Hilfsangebote führt Daniela Roth bei Bedarf unter vier Augen. 

„Die Frauen kommen gern und regelmässig“

Die Idee für die „Tea Party“ kam Daniela Roth als das Zentrum stark belegt war. Sie hatte das Gefühl, es brauche ein spezielles Angebot für die Frauen. Sowohl als vertrauensbildende Massnahme in Bezug auf die Betreuerinnen und Betreuer, aber auch, um die Frauen aus verschiedenen Kulturen an einen Tisch zu bringen. Das Thema „Tea Party“ fand sie naheliegend: „Ich glaube, dieses Ritual, etwas zusammen zu essen und zu trinken, ist auf der ganzen Welt ähnlich. Dabei fällt es einem auch leichter, miteinander zu sprechen. Eine fängt an und dann werden auch die anderen lockerer und beginnen zu reden.“ Ihre eigene Rolle sieht sie als Gastgeberin, die den Rahmen schafft und falls nötig das Gespräch ein wenig moderiert. Mehr sei meist nicht nötig. 

Wenn am Kaffeetisch eine Syrerin fragt: „Ich war in meiner Heimat Tierärztin, welche Möglichkeiten habe ich hier?“, dann bestärkt Daniela Roth sie darin ihren eigenen Weg zu finden und vor allem auch, Deutsch zu lernen. Gleichzeitig verweist sie auf externe Angebote und Beratungsmöglichkeiten. Das hat auch eine Wirkung auf die anderen Frauen, die sich beginnen zu fragen: Und was wird aus mir? Ich könnte ja auch etwas arbeiten. Eigentlich wollte ich ja immer… „Das bewirkt keine bahnbrechenden Veränderungen, aber kleine Effekte, die sich summieren und Entwicklungen bewirken“, erklärt Daniela Roth. Sie erzählt von drei Teenagerinnen, die sich zunächst fast ausschliesslich in ihrem Zimmer aufgehalten hätten. Seit sie an der „Tea Party“ teilnehmen, sind sie geselliger und reden mehr mit den anderen Mädchen und Frauen in der Unterkunft.

Dann ist das heutige Treffen auch schon vorbei. Daniela Roth beginnt aufzuräumen. Die Frauen helfen ihr dabei und plaudern noch ein bisschen weiter. Daniela Roth ist zufrieden mit dem heutigen Nachmittag. Sie freut sich, dass das Angebot von den asylsuchenden Frauen so gut angenommen wird: „Die Frauen kommen gerne und regelmässig. Durch die Gespräche verändert sich auch das Klima zwischen den Frauen und damit im Durchgangszentrum. Denn am Ende des Tages sind das alles Frauen, die die gleichen Ängste und Sorgen haben.“

Im Übrigen plant sie einen solchen Rahmen auch für asylsuchende Männer. Beim Pizzabacken, begleitet von einem männlichen Betreuer, sollen auch sie sich bald miteinander austauschen können.

Infobox: Asylsuchende Frauen in der Schweiz

Im Jahr 2016 stellten 7'984 Frauen ein Asylgesuch in der Schweiz (Quelle: SEM). Neben den allgemeinen Fluchtgründen wie Verfolgung und Unterdrückung aus religiösen oder politischen Motiven gibt es zusätzliche Gründe, weshalb Frauen aus ihrer Heimat flüchten. Hierzu zählen beispielsweise drohende weibliche Genitalverstümmelung (auch von Töchtern), Zwangsverheiratungen, sexuelle Übergriffe oder  Ehrenmorde. Seit 1998 ist im Schweizerischen Asylgesetz verankert, dass diesen frauenspezifischen Fluchtgründen Rechnung zu tragen ist (Art. 17 AsylG, Art. 5). Ein Kapitel zu geschlechtsspezifischen Fluchtgründen enthält auch das Handbuch Asyl und Rückkehr des Staatssekretariats für Migration.

Die ORS bietet in ihrem Weiterbildungsprogramm Kurse an, welche Betreuungspersonen im Asylbereich gezielt im richtigen Umgang mit vulnerablen Gruppen schulen. Dazu gehört auch der Kurs „Gewaltbetroffene Frauen im Migrationskontext“.

Nicht nur in Oberembrach, sondern auch in anderen von der ORS geführten Zentren werden frauenspezifische Beschäftigungsangebote wie Yoga, Turnen, Schwimmen oder spezielle Gesprächsplattformen angeboten.

 

 



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