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Vielsprachige Betreuungsteams: Kommunikation als Schlüssel für eine gelingende Betreuung

27. Oktober 2016

„Kennst du viele Sprachen, hast du viele Schlüssel für ein Schloss“, wusste schon der französische Philosoph und Schriftsteller Voltaire im 18. Jahrhundert. Im Falle der Betreuung von Asylsuchenden entspricht dieses Schloss der Sprachbarriere zwischen Betreuungsteam und Asylsuchenden. Umso mehr Sprachen von den Mitarbeitenden gesprochen werden, desto besser gelingt die Verständigung im Betreuungsalltag.

Das Team des EVZ Basel spricht mehr als 20 Sprachen

Ein Team, das sehr viele Sprachen abdeckt – vielleicht sogar die meisten von allen Betreuungsteams der ORS –  sind die Betreuerinnen und Betreuer des Empfangs- und Verfahrenszentrums (EVZ) Basel. Die rund 50 Mitarbeitenden Team betreuen je nach Belegung bis zu 400 Asylsuchende im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel, in der Aussenstelle in einer Zivilschutzanlage und in einem Wohnhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Ausserdem zählen Pflegefachpersonen zum Team, die unter anderem für die Grenzsanitarischen Massnahmen (die medizinische Erstuntersuchung in den Empfangs- und Verfahrenszentren) zuständig sind.

Ein Mitarbeiter beherrscht 6 Sprachen

Viele Mitarbeitende in Basel sprechen mehrere Sprachen. Etwa die stellvertretende Zentrumsleiterin Christina Pechlivanis, die Griechisch, Kurdisch, Italienisch, Englisch und Französisch spricht und versteht. Der Mitarbeiter Dagi D. beherrscht mit Amharisch, Tigrinya, Arabisch und Englisch Sprachen, die im Zentrumsalltag oft gebraucht werden. Deshalb wird er häufig gebeten zu übersetzen, etwa vom Arzt oder von der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die ebenfalls im EVZ vor Ort ist.

Der Mitarbeiter, der in den meisten Sprachen kommunizieren kann, ist Ronny K. Er arbeitet seit acht Jahren als Betreuer bei der ORS und kann sich in sechs verschiedenen Sprachen mit den Asylsuchenden verständigen: Kurdisch, Türkisch, Französisch, Englisch, Tibetisch und Farsi.

Türkisch und Kurdisch beherrscht Ronny aufgrund seines Migrationshintergrunds. Englisch und Fran-zösisch lernte er in der Schule. Tibetischkenntnisse eignete er sich aus Interesse für Land und Leute an. Zu Farsi gibt es eine besondere Geschichte: Vor ein paar Jahren war eine hochschwangere Afghanin neu im EVZ Basel angekommen. Man sah ihr die Schwangerschaft nicht an, da sie sehr schlank war. Ronny K. bemerkte jedoch, dass sie unter Schmerzen litt und suchte nach einer Person, die übersetzen konnte. Er fand eine Iranerin, die im Gespräch mit der Frau herausfand, dass diese Fruchtwasser verloren und starke Schmerzen hatte. Ronny rief sofort die Ambulanz. Die Iranerin begleitete die Frau ins Spital und berichtete hinterher, dass die Geburt gerade nochmal gut gegangen war, aber dass die Situation sehr knapp war für Mutter und Kind. Nach diesem Erlebnis beschloss Ronny Farsi zu lernen. Er wollte nicht nochmals in eine Situation kommen, in der aufgrund einer Sprachbarriere zwei Menschen ihr Leben verlieren könnten.

Vielsprachigkeit als Schlüssel zur Verständigung im Betreuungsalltag

Die Mitarbeitenden der ORS kommunizieren jeden Tag auf vielfältige Art und Weise mit den Asylsuchenden. „Vor allem wenn die Asylsuchenden neu in das Zentrum kommen, haben sie viele Fragen“, sagt Katja Siehr, die für die ORS die Betreuung im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel leitet. „Sie fühlen sich hier besser aufgehoben, wenn man auf sie eingehen kann“. Denn viele von ihnen sprechen ausschliesslich ihre Heimatsprache und sind deshalb froh, wenn jemand aus dem Betreuungsteam diese beherrscht.

Es bestehen teilweise grosse kulturelle Unterschiede zwischen der Heimat der Asylsuchenden und der Schweiz, ergänzt Katja. „Wenn man miteinander sprechen kann, fällt es leichter, diese Unterschiede zu erklären und Brücken zu bauen. So entstehen auch viele Konflikte erst gar nicht.“

Auch in praktischen Arbeitsalltagssituationen ist eine gelingende Verständigung wichtig. Die Betreuerinnen und Betreuer erklären den Asylsuchenden die Hausordnung, leiten sie zu Reinigungsarbeiten an, unternehmen Ausflüge und Sportaktivitäten. Morgens arbeitet ein Teil der Asylsuchenden in der  Küche. Dabei müssen ihnen die Betreuerinnen und Betreuer vermitteln können, wer welche Aufgabe übernimmt. Ein Teil der Gesuchsteller arbeitet auch in der Hausputz-Equipe, die für die tägliche Zentrumsreinigung zuständig ist. Auch hier müssen die Betreuerinnen und Betreuer erklären können, was wie und von wem zu reinigen ist. Wenn die Mitarbeitenden möglichst viele Sprachen abdecken, vereinfacht das also die Kommunikation ungemein. 

Auch für das Verständnis der Regeln des Zusammenlebens sind die Sprachen wichtig. Die Hausordnung hängt deshalb in 24 Sprachen aus, unter anderem Somalisch, Tamil, Paschtou und Chinesisch. Die täglichen Aushänge und Informationen, zum Beispiel Einladungen zu einem Ausflug oder zum Sport werden üblicherweise in Englisch und Arabisch ausgehängt. „Wenn wir von einer bestimmten Ethnie gerade besonders viele Gesuchsteller betreuen, nehmen wir diese Sprache ebenfalls auf“, sagt Katja Siehr.

Sprachkenntnisse können auch ein Einstellungskriterium sein

Der Umgang mit den Asylsuchenden, die ganz verschiedene kulturelle, sprachliche und religiöse Hintergründe und verschiedene Wertvorstellungen haben, braucht viel Fingerspitzengefühl. Kann man die Asylsuchenden in ihrer Sprache ansprechen, schafft das ein offenes und wertschätzendes Klima. Die ORS achtet bei der Zusammensetzung ihrer Betreuerteams deshalb nicht nur auf die verschiedenartigen Ausbildungen und Kriterien wie Sozialkompetenz, sondern auch auf Sprachkenntnisse. Englisch und Französisch sind ein Einstellungskriterium. Jede weitere Sprache ist willkommen. Die Zentrumsleitung versucht gezielt, möglichst viele verschiedene Sprachen abzudecken. Dadurch wird sichergestellt, dass das Betreuerteam mit möglichst vielen Asylsuchenden in deren Muttersprache oder einer anderen Sprache, die sie verstehen, kommunizieren kann.

Im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel erleichtern die Sprachkenntnisse des Betreuerteams die Alltagsbetreuung. Das gilt auch für Übersetzungen während der Besuche des Zentrumsarztes zweimal pro Woche. Dennoch gibt es Situationen, bei denen durch das Staatsekretariat für Migration (SEM) ein professioneller Dolmetscher dazu geholt wird, etwa bei besonders wichtigen Arztbefragungen, z. B. wenn ein Verdacht auf Tuberkulose besteht. Selbstverständlich werden auch die für das Asylverfahren relevanten Befragungen zur Person, für die das SEM zuständig ist, mit professionellen Dolmetschern durchgeführt. Für die Alltagsbetreuung durch das ORS-Team jedoch gilt: Jede von einem Betreuer gesprochene Sprache ist ein Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis und damit zu einer guten Betreuung.



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