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Der Kanton Fribourg wagt Gastfreundschaft

08. März 2016

Gemäss einem nationalen Verteilschlüssel werden Asylsuchende in der Schweiz den Kantonen zugewiesen. Diese handhaben die Unterbringung der Asylsuchenden unterschiedlich. Eine Möglichkeit, die von den meisten Kantonen bislang eher zaghaft genutzt wird, aber viele Vorteile birgt, ist die Vermittlung der Asylsuchenden in Privathaushalte. Der Kanton Fribourg kann als Vorreiter bezeichnet werden, wenn es um die private Unterbringung von Asylsuchenden geht. Dort ist das Engagement in dieser Sache beachtlich.

Im September 2015 riefen alt Staatsrat Pascal Corminboeuf, Bernard Huwiler (pensionierter Arzt) und Claude Ducarroz (Domprobst) die Bürgergruppe „Wagen wir Gastfreundschaft“ („Osons l’accueil“) ins Leben – mit dem Vorhaben, Asylsuchende vermehrt direkt bei den Bürgern unterzubringen. Die kantonale Direktion für Gesundheit und Soziales befürwortet die Initiative der Bürgergruppe. Die ORS, die in Fribourg mit der Unterbringung der Asylsuchenden betraut ist, übernimmt die Vermittlung der Asylsuchenden in die Privathaushalte und unterstützt damit die Umsetzung des Vorhabens der Gruppe „Wagen wir Gastfreundschaft“.

Das Zusammenspiel aller Beteiligten funktioniert gut. Das gemeinsame Engagement der Gruppe „Wagen wir Gastfreundschaft“, der kantonalen Behörde und der ORS macht sich in den Statistiken bemerkbar: Im Kanton Fribourg wohnen heute 61 Asylsuchende bei 34 Familien.

Im Kanton Zürich sind bislang 30 anerkannte Flüchtlinge bei Privaten eingezogen. Laufend erhält die ORS dort neue Angebote zur Vermittlung von Wohnraum. Momentan wird in Zürich noch Wohnraum für 50 Fälle – Einzelpersonen oder Familien – gesucht.

Im Kanton Fribourg dürfen Asylsuchende mit den Ausweisen N und F in Privathaushalte  vermittelt werden – also Personen, deren Asylverfahren noch laufen sowie vorläufig aufgenommene Personen. Eine weitere Bedingung ist, dass die Asylsuchenden erst nach ihrem Aufenthalt in einem kantonalen Durchgangszentrum privat untergebracht werden können. Überwiegend sind es junge Männer, vereinzelt aber auch Ehepaare und Familien, die bisher private Unterkünfte bezogen haben.

Möchte eine Privatperson einen Asylsuchenden bei sich aufnehmen, kann sie die Gruppe „Wagen wir Gastfreundschaft“ kontaktieren. Diese übermittelt die Angebote an die Direktion für Gesundheit und Soziales, welche die Anfragen an die ORS weiterleitet. „Wir reagieren auf die Anfragen der Interessenten so schnell wie möglich“, berichtet Claude Gumy, Operativer Leiter der ORS im Kanton Fribourg. Die ORS lässt den Interessenten die nötigen Informationen zukommen und vereinbart einen Besuch. „Beim ersten Besuch lernt eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter die Interessenten kennen und besichtigt die Räumlichkeiten, die zur Verfügung gestellt werden“, so Gumy. Anschliessend ermittelt die ORS eine Person, die an einem Umzug in eine Gastfamilie interessiert ist. „Weil wir die Asylsuchenden in Fribourg tagtäglich betreuen und sie schon gut kennen“, erklärt Gumy,  „können wir schnell den Kandidaten, der möglichst gut zu dem Interessenten passt, ermitteln“. Ist dies geschehen, findet ein Treffen zum Kennenlernen zwischen dem Asylsuchenden und der Gastfamilie statt. Falls notwendig, begleitet ein Dolmetscher dieses Treffen.

Im Kanton Fribourg werden an die Gastfamilien keine Anforderungen bezüglich der Grösse des Wohnraums oder der Ausstattung gestellt. Was zählt ist, dass beide Parteien – die Gastfamilie und der Gast – mit der Wohnsituation einverstanden sind und übereinkommen, miteinander den Schritt ins Zusammenleben zu gehen.

Nach dem Kennenlernen haben beide Parteien eine Bedenkzeit von ein paar Tagen. „Aber normalerweise brauchen sie diese Bedenkzeit gar nicht“, weiss Gumy. In der Regel würden beide Seiten sehr schnell eine Entscheidung treffen – in den allermeisten Fällen für das Zusammenleben.

Dann schliessen die ORS und die Gastfamilie einen Vertrag ab, der die Kernpunkte der Unterbringung regelt. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Gastfamilien den Asylsuchenden auf freiwilliger Basis bei sich aufnehmen. Die Gastfamilie kann lediglich für die Deckung der Nebenkosten eine monatliche Pauschale von 100 CHF beantragen.

Einmal im Monat besucht ein Mitarbeitender der ORS den Asylsuchenden in seiner neuen Unterkunft. Die ORS zahlt der betreuten Person weiterhin die finanzielle Unterstützung, die ihr zusteht und wenn Schwierigkeiten auftreten, interveniert sie und schlichtet Konflikte. Falls es einmal notwendig sein sollte, dass ein Asylsuchender aus der privaten Unterkunft ausziehen muss, organisiert sie den Umzug.

Während des Aufenthaltes in einer Gastfamilie können die Asylsuchenden an den Beschäftigungs- und Integrationsprogrammen sowie den Sprachkursen der ORS teilnehmen. Der regelmässige Kontakt zu den Einheimischen erleichtert für die Asylsuchenden den Umgang mit der neuen Sprache. Zudem lernen sie in ihrer Gastfamilie den Alltag in der Schweiz, die hiesigen Wertvorstellungen und Umgangsformen kennen, was bei der Integration hilft.



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