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Coaches für unbegleitete Minderjährige in Solothurn

14. Juli 2016

Seit Januar 2016 fördert das Amt für soziale Sicherheit (ASO) des Kantons Solothurn alternative Wohnmöglichkeiten für unbegleitete Minderjährige (UMA). Diese werden wo immer möglich nicht in einem Durchgangszentrum, sondern in Pflegefamilien oder Wohngemeinschaften untergebracht. Das Pilotprojekt ist auf zwei Jahre ausgerichtet. Begleitet werden die Jugendlichen dabei von Sozialarbeitenden oder SozialpädagogInnen der ORS, den sogenannten Coaches.

Unbegleitete minderjähre Asylsuchende (kurz UMA) sind Jugendliche, die ohne ihre Eltern in die Schweiz geflüchtet sind. Sie erhalten eine vorläufige Aufnahme oder werden als Flüchtlinge anerkannt. Die UMA im Kanton Solothurn sind überwiegend männlich und kommen grösstenteils aus Eritrea oder Afghanistan. Die meisten leben in einem separaten Stockwerk in einem Durchgangszentrum mit Familien. Weil dem Kanton an einer raschen und nachhaltigen Integration gelegen ist, werden seit diesem Jahr UMA unter sechzehn Jahren – soweit das möglich ist – in Pflegefamilien untergebracht. Aktuell leben 20 der Jugendlichen in Pflegefamilien. Manche Familien haben auch zwei oder sogar drei gemeinsam aufgenommen.

Ältere Jugendliche, die zwischen sechzehn und achtzehn Jahre alt sind, wohnen selbstständig in Wohngemeinschaften. Aktuell leben 28 unbegleitete Minderjähre in sieben Wohnungen zusammen, meist zu viert oder fünft. Den UMA, die in Familien oder Wohngemeinschaften leben, wird ein sogenannter Coach zur Seite gestellt. Diese Coaches der ORS sind ausgebildete Sozialpädagogen und Sozialarbeitende. Sie begleiten die UMA bis zur Volljährigkeit oder mindestens ein Jahr lang und unterstützen sie bei ihrer sozialen und beruflichen Integration. Für das Coaching gibt es UMA-spezifische Förderbereiche wie Selbständigkeit und Wohnkompetenz, Sprache, Berufsbildung, Gesundheit, Prävention, Freizeitgestaltung.

Leben in Pflegefamilien

Sowohl für UMA als auch für die Pflegefamilien sind die ersten Wochen des Zusammenlebens oft ein Sprung ins kalte Wasser. Die Sprache ist zunächst die grösste Hürde. Deshalb ist Kreativität gefragt: Seit kurzem helfen Piktogrammbüchlein, die vom ASO an die Familien abgegeben werden, bei der Verständigung.

Sobald die Jugendlichen in den Pflegefamilien untergebracht sind, findet ein Gespräch zwischen ihnen, der Familie und dem Coach statt. Dabei unterstützt zunächst eine interkulturell übersetzende Person. Oft gibt es in den ersten Wochen einen erhöhten Klärungsbedarf, auch wegen der Sprachbarriere. Hat sich das Zusammenleben eingependelt, besucht der Coach noch alle anderthalb bis zwei Monate den Jugendlichen und die Familie, und die interkulturelle Übersetzung wird nur bei Bedarf zugezogen.

Die Familien unterstützen die UMA im Alltag, etwa beim regelmässigen Schulbesuch, den Hausaufgaben oder Arztterminen. Ausserdem gestalten sie oft auch gemeinsam einen Teil der Freizeit. Der Coach ist zwischen den regelmässigen Terminen Ansprechpartner für die UMA mit ihren Anliegen, bei Schwierigkeiten und Fragen. Die Coaches vermitteln dabei zwischen dem UMA, der Familie und der Gesellschaft mit ihren jeweils unterschiedlichen Erwartungen. Dazu gehören auch Integrations-gespräche und die Ausarbeitung einer Zukunftsperspektive mit dem UMA. „Dabei werden Fragen geklärt wie: Was ist mit der Schule? Wie sehen die Finanzen aus? Wie funktioniert das Zusammenleben?“, erläutert Ralf Brönnimann, einer der UMA-Coaches der ORS in Solothurn. Der Fokus liegt auf der Schulbildung und der späteren Berufswahl. Dabei können auch die Teilnahme an einem Sprachkurs, an einem geeigneten Integrationsprogramm oder an Ausbildungs- und Qualifizierungsprogrammen, wie sie von der Regiomech im Auftrag des Kantons angeboten werden, unterstützen. Zu den Aufgaben, welche die ORS neben der Betreuung übernimmt, gehören auch die Begleitung bei unverbindlichen Beratungen wie z.B. Rückkehrberatung und administrative Aufgaben wie die Auszahlung des Geldes oder die Abrechnung mit der Familie.

Leben in Wohngemeinschaften

Die Jugendlichen in den Wohngemeinschaften besucht der Coach bis zu dreimal pro Woche. Die UMA sind zur Anwesenheit bei diesen Terminen verpflichtet. Der Coach steht ihnen als Ansprech-partner für sämtliche Fragen und Anliegen zur Verfügung und ist auch zwischen den Terminen telefonisch erreichbar. Für Notfälle gibt es einen Pikettdienst. Der Coach unterstützt die Jugendlichen beim Zusammenleben im Alltag, bei der Haushaltsführung, bei der Wahl der Schule, er erinnert sie daran, diese regelmässig zu besuchen und zeigt mögliche Anschlusslösungen für eine Ausbildung oder Beschäftigung auf. Ausserdem begleitet er sie oder koordiniert bei Behördengängen, Elternabenden, Arztterminen etc. Werden die Jugendlichen volljährig, unterstützt er sie – wenn es der Asylstatus zulässt – beim Übergang von der Unterbringung auf Kantonsebene zu der auf Gemeindeebene und dem selbständigen Leben in einer eigenen Wohnung.

Ausserdem suchen die UMA-Coaches auch nach geeigneten Wohnungen und richten diese gemeinsam mit den jugendlichen Asylsuchenden ein. Um die Integration der Jugendlichen zu fördern, vernetzten die Coaches Freiwillige, die sich engagieren möchten, mit den Wohngemeinschaften.

Fachstelle für Familie & Generationen vermittelt Familien und UMA

Familien, die gerne als Pflegefamilie einen jugendlichen Flüchtling aufnehmen möchten, können sich bei der Fachstelle Familie & Generationen des Amts für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn melden. Diese vermittelt geeignete Familien und passende unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Während eines Probewochenendes haben der oder die UMA und die Familie die Möglichkeit, sich kennenzulernen und sich anschliessend zu entscheiden.

Bisher positive Erfahrungen mit Pflegefamilien

Die bisherigen Erfahrungen mit der Unterbringung der Jugendlichen in Pflegefamilien sind erfreulich: Alle fühlen sich wohl in ihren Familien. Vorwiegend jüngere UMA haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Pflegefamilie, das über das Zusammenleben auf Zeit hinausgeht, denn Familie hat für sie einen hohen Stellenwert. Vor allem, wenn die Familie eigene Kinder hat, sind die UMA schnell und herzlich aufgenommen und integriert. Durch das Zusammenleben und den Alltag bilden sich rasch kleine tägliche Fixpunkte wie etwa das gemeinsame Abendessen.

„Ausserdem lernen UMA, die in Pflegefamilien untergebracht sind, viel schneller deutsch“, sagt Ralf Brönnimann. „Sie sind im Alltag viel stärker mit der Sprache konfrontiert.“ Nachteile der Unterbringungsform sieht der UMA-Coach nicht. Höchstens die Vernetzung mit den Kollegen im Durchgangszentrum werde schwieriger und könnte einen kleinen Nachteil für die kulturelle Identität bedeuten. Viele UMA, die in Pflegefamilien leben, treffen sich jedoch mehrmals wöchentlich beim Sprachunterricht im Zentrum für Ausbildung und Beschäftigung der ORS in Solothurn.

Die Pflegefamilien schätzen den kulturellen Austausch und tragen wesentlich zur Integration bei. Einige von ihnen haben sich untereinander vernetzt und helfen sich gegenseitig, etwa während den Schulferien. Die Erfahrungen bis jetzt sind überwiegend positiv, das Zusammenleben ist eine Bereicherung für beide Seiten. Und für den UMA-Coach Ralf Brönnimann ist seine Tätigkeit „eine sehr spannende vielseitige Arbeit, bei der es fast jeden Tag etwas Neues gibt.“



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