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„Wachbleiben fällt mir nicht schwer“ – Ein Nachtbetreuer erzählt aus seinem Arbeitsalltag

02. September 2016

Nachts gilt in den Asylunterkünften die Nachtruhe. Während dieser Zeit sind je nach Unterkunft einer oder mehrere Nachtbetreuer der ORS im Einsatz. Sie garantieren die Sicherheit der Unterkunft und sind der Ansprechpartner für alle Belange der Asylsuchenden.

Viele Kriterien – auch über die Ausbildung hinaus – sind entscheidend für das gute Erfüllen dieser Aufgabe. Dazu gehören Sozialkompetenz, Sprachkenntnisse, ein hohes Mass an Selbstständigkeit und Verlässlichkeit, ein ruhiges Gemüt, aber auch Durchsetzungsvermögen und eine klare und professionelle Haltung in Bezug auf die Rolle und Aufgaben. Jigme, 29, arbeitet als Nacht- und Wochenendbetreuer bei der ORS im Durchgangszentrum Oberhalden im Kanton Zürich. In diesem Interview erzählt er von seinen Aufgaben, was ihm an seiner Arbeit gefällt und wie es ist, die ganze Nacht wachzubleiben.

 

Wie und warum bist du  Nacht- und Wochenendbetreuer geworden?

Ich habe mich einfach auf eine Stellenanzeige beworben. Speziell als Nachtbetreuer zu arbeiten war mir nicht so wichtig. Mich hat die Arbeit in einem Durchgangszentrum interessiert. Ich hatte davor noch nicht im Asylbereich gearbeitet. Letztes Jahr war das Thema Asyl und Flüchtlinge dann in den Medien sehr präsent. Und meine Eltern sind auch geflüchtet, deshalb hatte ich einen Bezug zum Asylbereich.

Welchen beruflichen Hintergrund hast du?

Gerade mache ich  Zivildienst in einem Alterszentrum in Frauenfeld, wo ich den technischen Dienst unterstütze. Deshalb arbeite ich gerade nur 20 Prozent bei der ORS. Sonst arbeite ich  80 Prozent bei der ORS und schliesse parallel gerade noch das Nebenfach Recht meines Politikstudiums ab.

Wie sieht ein typischer Nachtdienst aus?

Der Nachtdienst beginnt um 21:00 Uhr abends und dauert bis Viertel vor Sieben am nächsten Morgen. Die Kollegin oder der Kollege der Spätschicht macht eine kurze Übergabe mit Hilfe des Rapportbuchs und informiert darüber, was in der vorangehenden Schicht passiert ist. Anschliessend mache ich den ersten Rundgang, begrüsse die Bewohnerinnen und Bewohner und führe Gespräche. Dabei mache ich auch Besucherkontrollen, denn die Besuchszeit endet um 20:00 Uhr. Manchmal trifft man noch auf Besucher, die man dann aus dem Zentrum schicken muss.

Um 22:00 Uhr gibt es bei uns im Durchgangszentrum Oberhalden eine Putzrunde. Ich stelle den Bewohnern das Putzmaterial zur Verfügung, damit sie die Küche reinigen können. Um Mitternacht beginnt die Nachtruhe. Als Nachtbetreuer bin ich dafür verantwortlich, diese durchzusetzen. Jetzt im Sommer, wenn es wärmer ist, sind die Leute gerne auch mal länger draussen. Normalerweise ist es aber spätestens ab 1:00 Uhr nachts wirklich ruhig. Im Moment ist es bei uns sowieso eher ruhig, denn auf einem ganzen Stockwerk leben Familien, da muss man nur kurz durchgehen. Bei den jungen Männern muss man ab und zu schon mal ins Zimmer gehen, wenn es noch laut ist.

Nachts mache ich stündliche Rundgänge. Ausserdem gibt es viermal ein sogenanntes Rundtelefon, ein Sicherheitsmechanismus für uns Nachtbetreuer, denn wir arbeiten nachts alleine. Ein Kollege aus einem anderen Zentrum ruft bei mir an, und ich rufe danach in einem weiteren Zentrum an.

Wie unterscheidet sich der Wochenenddienst davon?

Der Wochenenddienst ist ähnlich wie der Nachtdienst. Es gibt zwei Schichten: Die Frühschicht dauert von 6:30 bis 16:00 Uhr, die Spätschicht von 12:15 bis 21:15 Uhr. Am Nachmittag betreut man also immer zu zweit. In dieser Zeit bleibt eine Person im Büro und besetzt den Schalter, während der andere Mitarbeiter im Haus und im Innenhof unterwegs ist. Diese Zeit eignet sich sehr gut für uns Nacht- und Wochenendbetreuer, um die Bewohner besser kennenzulernen. Bei Betreuungsaktivitäten wie dem gemeinsamen Billard oder Tischtennisspielen kommt man sehr schnell ins Gespräch.

Am Schalter steht man den Asylsuchenden als Ansprechpartner zur Verfügung. Die meisten kommen, um etwas auszuleihen, z.B. ein Spiel, einen Rasierer oder einen Föhn. Wenn Besucher ins Zentrum kommen, nimmt man die Personaldaten auf und weist sie auf die Besuchszeit hin. Ausserdem verkauft man den Bewohnern Tickets, damit sie mit dem ÖV in die Stadt fahren können. In der Frühschicht leitet man eine grosse Putzrunde am Morgen um 10:00 Uhr an, wenn die Bewohner die Toiletten und Korridore reinigen.

Was sind deine Hauptaufgaben als Nachtbetreuer?

In erster Linie bin ich Ansprechperson für die Asylsuchenden, die hier leben. Wenn die Bewohner Fragen oder Anliegen haben, versuche ich, diese zu beantworten oder leite sie dem Tagesteam weiter. Ebenfalls gibt es bei uns Bewohner, die rezeptpflichtige Medikamente benötigen, die sie dann kontrolliert am Schalter einnehmen. Bei kleineren medizinischen Problemen, wie z. B. Kopfschmerzen, steht uns eine kleine Apotheke mit rezeptfreien Medikamenten zur Verfügung. Wichtig ist, dass man sowohl für die Bewohner die Sicherheit im Haus gewährleistet als auch für die Einhaltung der Hausordnung sorgt. Aber das ist eigentlich in einem Durchgangszentrum kein Problem. Bei uns ist es meistens ruhig, und die Leute halten sich gut von allein an die Hausordnung.

Fällt es dir schwer, die ganze Nacht wachzubleiben?

Ich muss zwar die ganze Nacht wach bleiben, aber es fällt mir nicht schwer. Die erste Nacht kann man sich so vorstellen, wie wenn man in den Ausgang geht und erst morgens nach Hause zurückkommt. Ich bin nach der ersten Nacht schon gut im Rhythmus, so dass ich auch in der zweiten Nacht nicht übermüdet bin. Zwischen den Rundgängen verbringe ich manchmal die Zeit mit Lesen, oder vor Prüfungen häufig mit Lernen. Aber die Zeit vergeht sehr schnell.

Du arbeitest die meiste Zeit alleine. Fehlt dir manchmal der Austausch im Team?

Wenn ich nachts und am Wochenende arbeite, sehe ich die Kolleginnen und Kollegen und den Chef wirklich nur wenn ich komme und gehe. Wenn ich  jedoch etwas vom Zentrumsleiter oder seinem Stellvertreter brauche, sind sie immer sehr gut per Telefon oder Email erreichbar. Ich habe viele Kollegen besser kennengelernt, während ich vorübergehend im Tagesteam ausgeholfen habe. Wenn man nachts und am Wochenende alleine arbeitet, bringt das eben wenig Austausch mit den Kollegen und dem Team mit sich, aber das ist ok für mich.

Was gefällt dir an deiner Arbeit?

Besonders gefallen mir die Gespräche mit den Bewohnern, ihre Geschichte, die Situation in den Herkunftsländern und die kulturellen Unterschiede kennenzulernen. Das finde ich sehr spannend. Ich weiss nicht, wie es zum Beispiel in einer Notunterkunft wäre, aber hier im Durchgangszentrum sind die Menschen und der Umgang miteinander wirklich sehr angenehm. Man kommt ins Gespräch, sie erzählen viel und es kam auch schon vor, dass nachts jemand an den Schalter kam und reden wollte. Dann hat man manchmal auch längere gute und interessante Gespräche.

Wenn man in der Nacht oder am Wochenende arbeitet, ist man auf sich alleine gestellt und trägt auch die alleinige Verantwortung. Das hat schon seinen Reiz – man fühlt sich umso mehr verantwortlich, und das gefällt mir auch.

Was sind die grössten Herausforderungen?

Für mich persönlich ist die grösste Herausforderung, eine gewisse Distanz zu wahren. Damit meine ich nicht im direkten Gespräch mit den Asylsuchenden, sondern wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme: Für mich war es anfangs manchmal nicht leicht, nicht mehr an die Leute und ihre schwierige Situation zu denken. Denn durch die persönlichen Geschichten wird man sich bewusst, in was für einer privilegierten Situation man selbst leben darf und fragt sich: Warum ich und nicht der andere? Eine Distanz zu diesen Fragen zu wahren ist manchmal schon eine Herausforderung.

Welche Fähigkeiten sind deiner Meinung nach wichtig, um die Arbeit gut zu machen?

Man sollte über einen gesunden Menschenverstand verfügen. Es gibt viele Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Dass muss nicht mal etwas Dramatisches sein, sondern das können auch viele Kleinigkeiten sein. Man muss öfter Mal improvisieren. Ausserdem sollte man den Leuten gegenüber offen sein und sich im Klaren darüber sein, dass die Bewohner alle geflüchtet sind und eine schwere Reise hinter sich haben. Für diese spezielle Situation sollte man schon sensibilisiert sein.

Was schätzt du an der Arbeit bei der ORS?

Bei uns hier im Durchgangszentrum Oberhalden ist die Zusammenarbeit sehr gut. Das Team ist toll, weil jeder einzelne persönlich sehr engagiert ist und auch der Umgang miteinander sehr kollegial ist. Die Arbeit an sich macht einfach Spass und ich gehe wirklich gerne arbeiten. Ich finde auch die angebotenen Weiterbildungskurse interessant. Daraus konnte ich schon einen Nutzen für meine Arbeit ziehen.

Mehr über das Jobprofil Nachtbetreuer finden Sie auf unserer Jobwebseite.



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