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Was sind die Aufgaben eines Zentrumsleiters?

29. April 2015

Andreas Jaross arbeitet als Zentrumsleiter bei der ORS. Er leitet die Asylunterkunft Fridau in Egerkingen im Kanton Solothurn. In diesem Interview erzählt er von seiner Arbeit als Zentrumsleiter, seiner vorherigen Tätigkeit beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und davon, welche Eigenschaften seiner Meinung nach ein guter Zentrumsleiter mitbringen sollte.

Wie lange bist du schon bei der ORS?

Ich arbeite seit November 2011, also fast 3,5 Jahre, bei der ORS. Während dieser Zeit habe ich in verschiedenen Unterkünften als Zentrumsleiter gearbeitet. Zunächst in Solothurn in einer Zivilschutzanlage, dann in einem temporären Bundeszentrum in Realp (UR) und anschliessend in einer Zivilschutzanlage in Urdorf im Kanton Zürich.

Als dann wieder eine temporäre Asylunterkunft in Biberist im Kanton Solothurn in Betrieb genommen wurde, bin ich gerne nach Solothurn zurückgegangen. Wir waren zunächst zwei Monate in Biberist in einer kleinen Zivilschutzanlage und sind im September 2014 nach Egerkingen in die Fridau umgezogen.

Wo und was hast du gearbeitet, bevor du zur ORS gekommen bist?

Ich war mehr als zwanzig Jahre beim IKRK, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Ich habe sehr viele Auslandseinsätze in Krisenregionen geleistet, vor allem in Regionen mit Konflikten. Angefangen habe ich 1992 in Somalia. Anschliessend war ich in sehr vielen afrikanischen Ländern, aber auch in Südamerika, in Kolumbien. Ich kenne den Kaukasus, sowohl den Nord- als auch den Südkaukasus ziemlich gut, war in Afghanistan und im Iran im Einsatz.

Diese Erfahrungen erleichtern natürlich meine heutige Arbeit hier mit den Asylsuchenden. Ich kenne oft die Kontexte, aus denen die Asylsuchenden kommen, die Länder, die Konflikte, die Zustände und Abläufe in Flüchtlingslagern. Das macht es einfacher, die Leute besser zu verstehen.

In meiner Zeit beim IKRK habe ich bei der Versorgung von Flüchtlingen in Flüchtlingslagern mitgearbeitet: Wir haben Nahrungsmittelhilfe und Wasser gebracht und immer wieder medizinische Hilfe organisieren müssen. Ich war ausserdem in Wiederaufbau- und Rückkehrprojekte involviert. In dieser Zeit gehörten zu meiner Arbeit ausserdem Kontakte mit Behörden und Militärs, der Besuch von Gefängnissen und Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen um die Akzeptanz des humanitären Völkerrechts.

Wie bist du zum Asylbereich gekommen?

Nach über zwanzig Jahren Auslandseinsätzen beim IKRK wollte ich in die Schweiz zurück und habe zunächst zwei Jahre in Genf gearbeitet, in der Spendenabteilung für institutionelle und private Spender des IKRK. Dann habe ich das Bedürfnis verspürt, wieder nach Solothurn zu ziehen und mich auf die Stellenausschreibung der ORS beworben. So bin ich dann Zentrumsleiter bei der ORS geworden.

Das war für mich ein guter Übergang in ein Umfeld, das mir auf eine gewisse Art auch sehr vertraut ist. Ich denke, ich kann hier meine Erfahrungen gut und sinnvoll einbringen – das macht mir viel Spass und Freude.

Welche dieser Erfahrungen sind für deine Arbeit besonders hilfreich?

Ich habe viele Völker, Menschen und Nationalitäten kennengelernt. Das hilft vor allem beim Gespür für die Menschen. Wenn ich weiss, woher die Leute kommen, kann ich besser verstehen, wie sie „ticken“. Meine Auslandserfahrung hilft mir, die Mentalität der Leute besser einzuschätzen, mich auf sie einzustellen und dementsprechend mit ihnen umzugehen.

Die Sprachen, die ich während meiner Auslandseinsätze gelernt habe, kommen mir heute auch zugute. Ich kann ein bisschen Russisch und ein paar Brocken Arabisch – ich kann zwar nicht antworten, aber ungefähr verstehen, um was es geht, das hilft natürlich bei der Kommunikation. Ausserdem spreche ich Französisch, Spanisch, Englisch und Ungarisch. Das ist jetzt nicht eine Sprache, die man unbedingt braucht. Aber das Russisch war mir schon oft nützlich.                                        

Beim Eröffnen von Zentren ist meine Logistikerfahrung hilfreich. Und die Mitarbeit in medizinischen Projekten hilft natürlich gelegentlich, wenn Leute verschiedene Beschwerden haben und man dann weiss, was zu tun ist beziehungsweise wann jemand gleich zum Arzt muss.

Wie ist die aktuelle Situation im Zentrum Fridau?

Im Zentrum Fridau können bis zu 80 Asylsuchende wohnen. Hier leben alleinreisende Männer,  Frauen und auch Familien mit Kindern. Zu Beginn, als das Zentrum eröffnet wurde, wurden zunächst 50 Eritreer hier untergebracht. Dann kamen Asylsuchende anderer Nationalitäten dazu, aus Syrien, aus Sri Lanka oder aus Armenien. Die grösste Gruppe der Asylsuchenden in der Fridau sind immer noch die Eritreer.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der örtlichen Gemeinde und wie ist die Akzeptanz in der Bevölkerung?

Ich denke, die Existenz des Zentrums in der Gemeinde wird eher akzeptiert. Am Anfang gab es grossen Widerstand. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt. Es hat keine Zwischenfälle gegeben und die Polizei musste nie ausrücken. Nach wie vor finden regelmässige Begleitgruppensitzungen mit Vertretern der Gemeinde, des Kantons, des Werkhofs und der ORS statt. Dort können Probleme angesprochen werden. Bei Vorkommnissen würde man sich natürlich sofort mobilisieren oder Fragen per Telefon klären. Aber es ist alles ruhig.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Die Tage können recht unterschiedlich aussehen. Klar gibt es viele wiederkehrende Tätigkeiten. Es gibt eine Früh-, Morgen-, Vormittags- und eine Mittagsschicht. Jede Schicht hat andere Schwerpunkte. Meine Vorstellung ist es, dass die Teammitglieder fast alle Aufgaben übernehmen können. Das macht die Arbeit für die Mitarbeitenden interessant und erlaubt uns mehr Flexibilität, falls jemand durch Krankheit oder Ferien ausfällt. Manche Dinge wie die Buchhaltung machen aber vor allem ich oder mein Stellvertreter.

Wir legen viel Wert auf Tagesstruktur für die Asylsuchenden. Dazu gehören auch die sogenannten „Ämtli“, zum Beispiel das Putzen. Wenn das gemacht ist, gehen wir mit den zuständigen Asylsuchenden durch das Zentrum und schauen, ob sie gründlich gereinigt haben.

Tagsüber können die Asylsuchenden Leihmaterial gegen Ausweis ausleihen. Dazu gehören Backbleche, Bügeleisen, Langhaarschneider, Bälle für den Fussballkasten, Tischtennisschläger und so weiter. Die Ausgabe von Medikamenten und Post gehört ebenfalls dazu. Es ist ein dauerndes Kommen und Gehen.

Die Asylunterkunft Fridau liegt etwas abgelegen und ist nicht an den öffentlichen Verkehr angebunden. Also fahren wir die Asylsuchenden ins Dorf, wenn das nötig ist. Der Weg, den man sonst runter laufen muss, ist sehr steil und dauert zu Fuss etwa vierzig Minuten. Das ist für eine gesunde Person und bei gutem Wetter nicht unbedingt ein Problem. Aber schwangere Frauen oder Kranke fahren wir natürlich, beispielsweise zum Arzt nach Egerkingen.

Ausserdem fahren wir die schulpflichtigen asylsuchenden Kinder täglich zum Bahnhof nach Oberbuchsiten. Von dort fahren sie mit einer Begleitperson nach Solothurn, wo sie im Zentrum für Ausbildung und Beschäftigung (ZAB) der ORS zur Schule gehen.

Was sind die grössten Herausforderungen im Zentrumsalltag?

Im Moment mit der aktuellen Auslastung läuft der Betrieb relativ ruhig. Die Asylsuchenden, die in der Fridau leben, sind sehr hilfsbereit, kooperativ, verständnisvoll und nehmen Rücksicht aufeinander. Das trägt natürlich dazu bei, dass der Betrieb ruhig und geordnet läuft. Das Zusammenleben habe ich in früher in anderen Zentren bereits unterschiedlich erlebt. Wenn vielleicht Drogen im Spiel oder Leute alkoholisiert waren, war das viel mühsamer als jetzt.

Wenn ich an die Herausforderungen der Anfangszeit in der Fridau denke, war doch viel Misstrauen in der Bevölkerung und bei der Begleitgruppe vorhanden. Da kann man nicht ganz verleugnen, dass doch schon ein gewisser Druck und eine Anspannung spürbar waren.

Was gefällt dir persönlich gut an deiner Arbeit?

Mir gefällt gut, dass die Arbeit sehr abwechslungsreich ist. Morgens weiss man nicht, was den Tag über geschieht.  Die Arbeit deckt sehr viele Aspekte und unterschiedliche Aufgaben und Themen ab.

Als Zentrumsleiter muss man einerseits die Bedürfnisse der Asylsuchenden erfüllen – entsprechend den Vorgaben natürlich. Dazu gehört manchmal auch ihnen zu erklären, was wir nicht machen können. Andererseits hat man das Management, die Mitarbeiterführung, das Einteilen und Planen. Und dann ist da noch der Kontakt mit den Behörden und der Polizei. Insgesamt macht das die Arbeit sehr vielschichtig und dadurch interessant.

Natürlich gibt es ausserdem die Routinearbeiten wie die Buchhaltung, die Einkäufe oder das Besprechen und Planen von Unterhaltsarbeiten mit Handwerken oder Firmen. Aber genau diese Vielseitigkeit macht die Arbeit so spannend.

Welche Fähigkeiten sollte deiner Meinung nach ein Zentrumsleiter mitbringen?

Für einen Zentrumsleiter ist es sicher gut, wenn man in der Welt herumgekommen ist und verschiedene Kulturen besucht hat. Eine hilfreiche Fähigkeit ist auch, wenn man zuhören und die Leute einschätzen kann: Wie sind die Leute drauf, was sind ihre Bedürfnisse? Entsprechend kann man seine Reaktion abstimmen.

Man sollte bereit sein, sich und seine Aktionen zu hinterfragen: Wie reagiere ich auf die Leute? War das richtig, so mit dieser Situation umzugehen? Wie gebe ich mich eigentlich?  Denn eine Aktion löst immer eine andere Aktion aus. Es schadet daher bestimmt nicht, ein bisschen psychologisch geschult zu sein.

Und natürlich braucht man gewisse administrative Fähigkeiten: Man muss Pläne machen, kommunizieren und motivieren können. Zuhören ist ebenfalls wichtig. Jeder kann eine Situation anders einschätzen. Da hilft es, zu den Kollegen einen guten Draht zu haben, offene Gespräche zu führen und ein gutes Team zu haben. Ziel sollte ein gutes Arbeitsklima sein und eine Atmosphäre, in der sich jeder wohlfühlt und sein Bestes geben kann.

Was schätzt du an der Arbeit bei der ORS?

Ich finde, wir haben bei der ORS ein gutes Betriebsklima: Ich finde es offen und herzlich. Bei den Begegnungen mit meinen Kollegen aus anderen Zentren und anderen Kantonen – während der Zeit im Kanton Zürich – habe ich viele gute Erfahrungen gemacht. Das Arbeitsklima ist freundlich und positiv – und fördernd und motivierend. Ich fühle mich auch gut unterstützt. Das schätze ich wirklich sehr.



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