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"Wenn die Ruhe ein Knochenjob ist"

17. Juni 2015

Unter diesem Titel erschien am 17. Juni 2015 im Berner Oberländer ein Bericht zum Durchgangszentrum Aeschiried, welches von der ORS Service AG betrieben wird - "eine Erfolgsgeschichte".

Seit sechs Monaten ist das anfänglich kritisierte und heute noch baurechtlich umstrittene Durchgangszentrum im Ferienzentrum in Betrieb. Dieser ist laut den Verantwortlichen «eine Erfolgsgeschichte».

Aller Anfang ist schwer. Das war beim Durchgangszentrum in Aeschiried nicht anders. «Der Start erfolgte nicht in Harmonie», erinnert sich Peter Ryser. Die Gemeinde sei erschrocken, da sie anfänglich nichts vom Betrieb gewusst habe. Befürchtungen und Misstrauen in Teilen der Bevölkerung waren gross. «Hätte der Migrationsdienst das Zentrum offensiv angekündigt, wäre dies heikel gewesen. Und den Betrieb nicht anzukündigen, war eben falls heikel.»

Peter Ryser, ein unabhängiger Aeschiner, Fachmann für Beratung und Coaching und ehemaliger Gemeinderat, leitet den runden Tisch. Der fördert, koordiniert und überwacht die Zusammenarbeit der Partner: Migrationsdienst, Gemeinde, Kirchgemeinde, Betreibergesellschaft, Begleitgruppe aus der Bevölkerung, Polizei und Stiftung Ferienzentrum als Vermieterin. «Die Bilanz der Runde nach sechs Monaten fällt ausnahmslos gut aus. Es ist fürs Gemeinwesen rundum eine Erfolgsgeschichte», sagt Ryser. Das Migrationsamt äussere sich so positiv wie die Betreiberin. Und laut der Polizei, die wie vorgesehen regelmässig kontrolliere, «ist es absolut ruhig». Zwei  Ausschaffungen seien so diskret wie professionell vonstattengegangen. «Ursprüngliche Befürchtungen sind kein Thema.» Ryser spricht von einer guten Stimmung, was mit Vertrauen zu tun habe. Etwas, das man sich erarbeiten müsse.

Warten auf das fünfte Baby

Seit Mitte Dezember betreibt die ORS Service AG im Auftrag des Kantons die Kollektivunterkunft mit 100 Plätzen im 33-jährigen Gebäudeteil Seeblick des Ferienzentrums hoch über dem Thunersee. «Bisher haben rund 250 Menschen vorübergehend hier gelebt», sagt Monika Voegeli. Sie führt das Zentrum mit ihren Mitarbeitern Dominic Schindler, Willy Zimmermann und Denise Schmid. Tagsüber zu dritt, nachts und an Wochenenden eine Person allein. «Frau Schmid ist aus gebildete Hebamme, was uns sehr entgegenkommt», sagt Voegeli. Denn bald wird ein Neugeborenes erwartet. Vier Babys leben heute im Zentrum, 29 Kinder (wovon 19 im schulpflichtigen Alter), 36 Frauen und 31 Männer. «Wir sind zu 100 Prozent ausgelastet », sagt die Leiterin. 53 Prozent der Bewohnenden stammen aus Eritrea, 12 % aus Syrien, «der Rest verteilt sich auf rund ein Dutzend Nationalitäten». Wie einst angekündigt sind vorab Familien überirdisch untergebracht - zugewiesen von den Bundeszentren an den Kanton. Zwei bis sechs Monate bleiben die Asylsuchenden in der Regel in Durchgangszentren. Ziel ist es, sie mit den schweizerischen Gepflogenheiten und der Sprache vertraut zu machen und sie an ein selbstständiges Leben heranzuführen. 10 Wochen à 4 Stunden Deutschunterricht sind für Erwachsene im Zentrum Pflicht. In einer zweiten Phase ziehen sie in eine Wohnung im Kanton - bis zum Entscheid des Asylgesuches. Es wird abgeklärt, ob Asyl gewährt wird, ob eine Rückweisung ins  erste Einreiseland erfolgt oder die Flüchtlinge ins Heimatland zurückgeführt werden. Zwei Speziallehrkräfte, angestellt von der Schule Aeschi, unterrichten seit März eine Unter- und eine Oberstufenklasse. Im Auftrag der Erziehungsdirektion wurde die Unterrichtsorganisation binnen weniger Monate hoch gefahren. Für Peter Ryser ein Exempel für eine «zielorientierte, zeitnahe und konstruktive Zusammenarbeit». Das Wort Musterbetrieb fällt. «Ja, aus Sicht der ORS läuft der Betrieb sehr gut», sagt deren Kommunikationschef Roman Della Rossa. «Dass es so bleibt, ist ein Knochenjob.» Da müsse man dranbleiben. Wesentlichen Anteil hätten das Betreuungsteam wie der runde Tisch. Doch vergisst Della Rossa nicht zu erwähnen, dass auch die günstigen Umstände eine Rolle spielen. «Es ist immer eine Gratwanderung, der Betrieb steht und fällt mit den Leuten, die untergebracht sind. Das kann auch mal auf die andere Seite kippen.»

Arbeiten und sprinten

Die Tagesstruktur wird vom Verfahrensstand geprägt. Erste Priorität haben Termine auf Ämtern. Weiter gilt es Arbeiten im Haus zu erledigen, zudem leben die Bewohner selbstständig - Einkaufen und Kochen inklusive. «Pro Woche organisieren wir einen Bustransport zum Grossverteiler in Aeschi. Der ÖV ist für die Asylsuchenden teuer», weiss Monika Voegeli. 9.50 Franken gibt es pro Person und Tag. Einen Zustupf kann am Beschäftigungsprogramm, das mit einer 80-%- Stelle vom Kanton alimentiert wird, dazuverdient werden. «Wichtiger ist den Leuten die sinnvolle Tagesstruktur», sagt Peter Wenger, operativer Leiter bei ORS. Gemeinnützige Arbeiten finden extern statt - aktuell wird im Suldgraben der Wanderweg instand gestellt. Von der Gemeinde erhalten die Asylsuchenden einen Fünfliber pro Halbtag. Auch gibt es Animation: Die Kirchgemeinde Aeschi-Krattigen bietet jeden Montag im Kirchgemeindehaus ein «Cafe International» als Ort der Begegnung an. «Der ist rege besucht», weiss Monika Voegeli. «Im Mai konnten wir dank der Niesenbahn zu günstigen Konditionen auf den Hausberg fahren. Asylsuchende bestreiten Abendläufe der All Blacks in Gwatt-Thun. Da sie teils in Flip-Flops gerannt sind, haben wir im Nachgang gebrauchte Laufschuhe erhalten.» Die Solidarität in der ganzen Region sei unverändert gross. Auf die Frage, woran es im Zentrum denn mangle, sagt die Leiterin, dass Fahrräder für Erwachsene rar seien. «Viele gehen mit dem Velo einkaufen.» Wie aber geht es auf 1100 Metern weiter? Wie lange Asylsuchende im früheren Blaukreuzheim eine temporäre Bleibe finden ist offen. Fakt ist, dass der fixe Vertrag zwischen der Stiftung Ferienzentrum und dem Kanton Ende März 2016 auslaufen wird.

18 000 Franken monatlich überweist der Staat der zuletzt klammen Besitzerin. Danach ist der Kontrakt binnen dreier Monate kündbar. «Mit einer gewissen Planungsunsicherheit leben wir immer», sagt Peter Wengen Die Zusammenarbeit sei «kaum bereits im Frühjahr 2016 beendet», glaubt Peter Ryser. «Dann wird noch nicht gebaut.» Wie bekannt ist, plant die Stiftung Ferienzentrum ein 3-Stern-Superior-Wellness- und Seminarhotel. Bis Ende Jahr soll klar sein, ob das Hotel Alpentherme realisiert wird. Dafür wäre ein Baubewilligungsverfahren nötig. Etwas, das für den Betrieb des Durchgangszentrums nicht der Fall ist. So jedenfalls entschied zuletzt (wie die Vorinstanzen) das Verwaltungsgericht. Wie jüngst berichtet zieht die Klägerpartei vom Allmigässli den Fall ans Bundesgericht weiter. Manchmal ist nicht nur aller Anfang schwer.

Quelle: Berner Oberländer, 17.06.2015

Autor: Jürg Spielmann



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