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«Vieles, was geschrieben wurde, ist falsch»

01. September 2015

Stefan Moll-Thissen, Direktor der ORS, äussert sich in einem Interview mit dem Tages Anzeiger vom 29. August 2015 zur Situation in der Betreuungsstelle Traiskirchen in Österreich.

 

Stefan Moll-Thissen, Chef der Zürcher Asyl-Betreuungsfirma ORS, wehrt sich: Sein Unternehmen sei nicht für die Zustände im österreichischen Flüchtlingslager Traiskirchen verantwortlich.

Mit Stefan Moll-Thissen sprach Marisa Eggli

Sie haben das Flüchtlingslager Traiskirchen mehrmals besucht. Was denken Sie, wenn Sie das überfüllte Zentrum sehen?

Die Situation ist sehr bedrückend. Im und um das Asylzentrum leben bis zu dreimal mehr Flüchtlinge, als es Platz hat. Das ist für unsere Mitarbeiter vor Ort sehr belastend. Und ich bin sehr froh, dass gestern die letzten kleinen Zelte weggeräumt und durch grössere ersetzt werden konnten.

 

Ihre Arbeit steht massiv in der Kritik: Flüchtlinge müssen unter freiem Himmel schlafen, es hapert mit der medizinischen Versorgung, gibt keine Deutschkurse. Österreichische Medien schreiben gar von Totgeburten auf der Wiese.

Vieles, was geschrieben wird, ist falsch. Es hat nie Totgeburten auf der Wiese gegeben, nie zu wenig Toilettenpapier, die medizinische Versorgung wird laufend verbessert. Die Deutschkurse haben wir vorerst in Absprache mit dem Innenministerium einstellen müssen, weil wir uns bei diesem Ansturm von Flüchtlingen auf die Grundversorgung der Leute konzentrieren müssen: Essen, Schlafen, Duschen, Familien betreuen.

 

Ein junger Österreicher hat unbemerkt auf dem Gelände gefilmt und festgestellt: Es hat nirgends Toilettenpapier, dafür viel Müll in den Gängen, die medizinische Abteilung war geschlossen.

Es gibt tatsächlich kein WC-Papier auf den Toiletten. Aber das liegt nicht am Mangel, sondern daran, dass wir allen Flüchtlingen beim Eintritt ein Hygienepaket abgeben, in dem auch Toilettenpapier drin ist. Und alle können so viel Nachschub holen, wie sie wollen.

 

Wie kommt es dazu, dass Menschen auf der Wiese schlafen müssen?

Es gibt in Österreich viel zu wenig Plätze für Flüchtlinge. Aber es ist nicht die ORS, die die Menschen im Freien schlafen lässt. Wir stellen keine Unterkünfte zur Verfügung. Wir sind nicht befugt, Zelte oder Wohnpavillons zu errichten. Wir betreuen nur die Asylsuchenden in dem Raum, der uns von den Behörden zugewiesen wird.

 

Verstehen Sie, dass die ORS kritisiert wird, weil die Flüchtlinge im Freien schlafen mussten?

Dafür habe ich nur wenig Verständnis.

 

Was macht Ihre Firma, damit die Lage in Traiskirchen besser wird?

Wir haben in den letzten Monaten rund 100 Mitarbeiter zusätzlich angestellt, inzwischen arbeiten dort gegen 250 Leute. Und wir werden wohl noch mehr brauchen. Wir sind in engem Kontakt mit unserer Auftraggeberin, dem österreichischen Innenministerium. In Traiskirchen herrscht ein Notstand.

 

Eine Notsituation, die die ORS überfordert.

Wir sind sehr gefordert. Wir versorgen zurzeit bis zu 4000 Menschen am Morgen, Mittag und Abend mit Essen, sind ihre Ansprechpartner, wenn sie Fragen haben, informieren sie, wenn sie weiterreisen können, und halten das Gelände so sicher als möglich. Und wir bemühen uns, dass sie nach der Erstuntersuchung auch weiterhin medizinisch versorgt werden.

 

Quelle: Tages Anzeiger vom 29.8.2015



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