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Tag der offenen Tür in Embrach

28. Oktober 2014

Wie leben bis zu 380 Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur und Religion auf engem Raum zusammen? Der Gemeinderat Embrach und die für die Betreuung zuständige ORS Service AG luden am Samstag zum Tag der offenen Tür ins Durchgangszentrum für Asylsuchende ein.

Das Familienzimmer der Notunterkunft wirkt spartanisch: ein Doppelbett für drei Personen, ein weiteres Bettgestell, dazu vier Spinde, Regal und Kühlschrank. Die Toiletten und Duschen sind im Gang. Mit Kajütenbetten finden auf wenigen Quadratmetern bis sechs Menschen Platz. «Embrach ist mit 380 Plätzen die grösste Siedlung im Kanton», erläuterte René Burkhalter, der als operativer Leiter zuständig ist für alle elf von der ORS Service AG betreuten Asylunterkünfte im Kanton. Gut 150 interessierte Besucher folgten am Samstag der Einladung zum Tag der offenen Tür, um Einblick in die Wohn- und Lebenssituation in den drei Asylzentren am Römerweg zu erhalten und mehr über das Asylwesen zu erfahren. Zentrumsleiter Tobias Hochstrasser und Mitarbeiter führten die  Besucher über das weitläufige Gelände und sparten dabei nicht an Zahlen und Fakten. Die gelben Baracken der beiden Notunterkunft-Zentren beherbergen jeweils bis zu 120 Personen, deren Asylantrag abgewiesen wurde.  Familien und Frauen werden in einem, einzelne Männer in einem anderen Trakt untergebracht.

Nicht Schweizers Standard
140 Menschen mit hängigen Asylverfahren leben auf sieben Stockwerken im Durchgangszentrum. Die Aufenthaltsdauer beträgt zwischen zwei und sechs Monaten. Hier stehen Familien 3½ Zimmer plus Küche und Bad zur Verfügung, doch bei Belegungen bis acht Personen wird es auch einmal eng. Einzelpersonen leben zu zwölft in 4½-Zimmer-Wohnungen. Die karge Einrichtung ist teils neu, aus dem Brockenhaus oder von privaten Spendern. «Helle Räume, aber sicher nicht der Standard, den man als Schweizer gewohnt ist», beschrieb der in der Nachbarschaft wohnende Pensionär Fritz Fischer seinen Eindruck.

24 Stunden Multikulti
Die Notunterkünfte bieten Nahrung, ein Dach über dem Kopf und den Zugang zu medizinischer Versorgung – Beschäftigungs- oder Integrationsangebote gibt es nicht. Etwas Sackgeld können sich die Bewohner mit Putzen verdienen. Für Kinder ist der Besuch der zentrumseigenen Schule Pflicht. Bis zur 6. Klasse unterrichten Lehrkräfte aus Embrach altersdurchmischte Gruppen in Deutsch, Mathe und Sport. Deutschkurse und Sportaktivitäten werden für alle Bewohner des Durchgangszentrums angeboten. «Wir sind ein 24-Stunden-Betrieb, und das Betreuungsteam ist ebenso multikulti zusammengesetzt wie die Bewohner», erklärte Burkhalter: «Mit insgesamt 30 Mitarbeitern decken wir rund 15 Sprachen ab.» Zudem brauche es sehr viel Fingerspitzengefühl, um zwischen den verschiedenen Kulturen, Religionen und Altersgruppen zu vermitteln. Eine Hausordnung mit Punkten wie Alkoholverbot, Besuchszeiten und Präsenzkontrolle regelt das Zusammenleben. In der Notunterkunft wartete ein Spezialitätenbuffet, welches die Bewohner in der Gemeinschaftsküche zubereitet hatten. Renate Schlegel (75) und Elsbeth Lössl (78) aus Embrach liessen es sich schmecken. «Wir werden im Dorf viel mit den Bewohnern konfrontiert», erklärte Erstere ihr Interesse. «Man ist sich fremd und traut sich ja sonst nicht herzukommen. Ich finde es gut, dass man mal schauen darf», begrüsste auch Lössl den Tag der offenen Tür.

Quelle: Zürcher Unterländer vom 27.10.2014



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