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Sie wollen unbedingt hier bleiben

11. August 2014

Asylsuchende setzen Wanderwege instand und hoffen auf eine Zukunft in der Schweiz. Acht Männer aus Eritrea und Nigeria sind mit Pickel, Schaufel, Handstampfer und Schubkarren beschäftigt. Die Gruppe von Asylsuchenden aus dem Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel beim Zoll Otterbach repariert zurzeit den Grenzweg in der Nordhalde, zwischen Inzlingen und Riehen Richtung Chrischona. Das bedeutet: körperliche Arbeit von 9 Uhr bis 15.30 Uhr.

Dafür bekommen die Asylsuchenden eine Tagespauschale. «Motivationsentschädigung», wie diese Entlöhnung im Fachjargon heisst. Wie hoch diese ist, sagen die Verantwortlichen nicht. Als die BaZ die Gruppe am Dienstagmorgen besucht, sind mehrere Stufen und ein langes Stück des Wanderweges fertiggestellt. Eine Schicht aus hellem Juramergel zeigt, was in den vergangenen Wochen alles schon ausgebessert wurde. Während zwei damit beschäftigt sind, den Weg seitlich mit Hölzern zu befestigen, schleppen die anderen Mergel über hundert Meter zur Arbeitsstelle hoch. Es ist so steil, dass hier niemand mit dem Mountainbike den Hang hinabfährt, ohne ständig zu bremsen. Jedenfalls lässt sich eine Schubkarre nur mit drei Personen bewegen. Die Asylsuchenden helfen sich gegenseitig, rauf und runter, mehrmals am Tag. «Die Einsatzbereitschaft ist sehr hoch», sagt Thomas Haug, Verantwortlicher für die Waldeinsätze und Mitarbeiter der Firma ORS Service AG, die im Auftrag des Bundes Asylsuchende und Flüchtlinge betreut. «Wir haben nie Probleme, Leute für die Arbeitsprogramme zu finden, im Gegenteil. Der Andrang ist gross; für alle ist es eine willkommene Abwechslung zum monotonen Warten im EVZ.»

Arbeiten gegen die Langeweile

Alle, die hier sind, wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Tritt die Schweiz auf ihr Asylgesuch ein oder müssen sie das Land schon bald wieder verlassen? Ungewissheit ist ein täglicher Begleiter. Einer, der sich so etwas wie einen Vorarbeiterstatus erarbeitet hat, ist Okeke Ikeckukwu aus Nigeria. Seit drei Monaten ist er in der Schweiz, spricht nur englisch. Diese Arbeit gebe ihm ein «good feeling». Sein Land verliess er aufgrund von persönlichen Problemen, Details behält er für sich. Kein Wort über Krieg, Verfolgung oder Bedrohung. «Ich möchte einfach hier bleiben und arbeiten. Ich kann alles tun, auch mit meinem Körper arbeiten.» Niemand, der vor Okeke Ikeckukwu steht, bezweifelt das. Der Mann ist 1,80 Meter gross und besteht nur aus Muskeln. Dass der Staat Asylsuchende mit solchen Programmen beschäftigt und nicht nur den ganzen Tag herumsitzen lässt, findet er eine gute Idee. «Das wirkt sich auch auf die Stimmung im EVZ aus», sagt Haug. Der zweite, der etwas aus seinem Leben erzählt, ist der Eritreer Habteab Mengisteab. Vor fünf Wochen hat er in der Schweiz Asyl beantragt. Er war Bauer und Lehrer für die eritreische Landessprache und will ebenfalls unbedingt in der Schweiz bleiben. Über die Möglichkeit, dass sein Gesuch abgelehnt werden könnte und er die Schweiz dann verlassen müsste, will er gar nicht nachdenken. Er hat sich ganz aufs Bleiben fokussiert. Quer durch Afrika und übers Mittelmeer ist er nach Italien gekommen und dann in die Schweiz gereist. Auf die Frage, warum er seine Heimat verlassen habe, bleibt er vage, sagt, er hätte keine Zukunft gehabt. Was er in der Schweiz tun könnte, weiss er auch nicht. Er könnte ja Deutsch lernen und dann als Übersetzer arbeiten, schlägt Haug vor.

Gemeinnützige Projekte

Andreas Wyss, Revierförster von Riehen und Bettingen, schätzt diese Arbeitseinsätze und sagt, dass er dadurch solche Instandstellungsarbeiten ausführen lassen könne, die in seiner Prioritätenliste ganz unten stünden oder für die kein Geld vorhanden sei. «Mit der Arbeitsleistung der Männer bin ich sehr zufrieden. Die packen an. Viele von denen können mit Werkzeug umgehen», sagt Wyss. Seit Februar sind bis zu drei Gruppen mit jeweils acht Asylsuchenden und einer Betreuungsperson aus dem EVZ bei solchen Arbeitseinsätzen. Nicht nur im Wald. Gemeinnützige Arbeit verrichten sie auch auf dem Friedhof Hörnli, wo sie für die Abfalltrennung sorgen oder Unkraut jäten, oder sie helfen der Stadtreinigung beim Einsammeln von Abfall oder Abschleifen von versprayten Parkbänken. Auch bei der Bekämpfung von eingeschleppten Pflanzen waren sie im Einsatz. In den Langen Erlen haben sie eine neue Finnenbahn gebaut. Aufgrund einer Gesetzesänderung sind solche gemeinnützigen Arbeitseinsätze seit Anfang Jahr möglich. Vorher war es Asylsuchenden in den Bundeszentren nicht möglich, zu arbeiten.

Quelle: Basler Zeitung vom 07. August 2014



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