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«Der Betrieb läuft wirklich reibungslos»

04. Dezember 2014

98 Personen leben derzeit in der unterirdischen Truppenunterkunft Lindenfeld und haben sich gut eingelebt. Laut Auskunft von Charlotte Gübeli, Gemeinderätin Ressort Soziales, gehört die Zivilschutzanlage Lindenfeld der Stadt Burgdorf, welche sie gegen Entgelt vermietet.

«Für die Unterbringung der Asylbewerber ist der Kanton Bern zuständig, der die vom Bund zugewiesenen Flüchtlinge auf die Asylzentren in den Gemeinden verteilt», präzisiert Andres Diggelmann, Leiter Sozialdirektion. «Deren Betreuung obliegt verschiedenen Organisationen, im Fall von Burgdorf der ORS Service AG.»

Rund 55 bis 60 Prozent dieser Zugewiesenen sind alleinstehende Männer, dazu kommen zwölf Frauen, fünf Ehepaare und sieben Familien mit ein bis vier Kindern. Burgdorf beherbergt keine alleinreisenden Flüchtlingskinder. Die Zusammensetzung ändert sich aufgrund von Zu- und Abgängen in relativ kurzen Zeitabständen.

Genauer Überblick

«über die Tagesabläufe der Flüchtlinge weiss das mehrköpfige ORS-Betreuungsteam Bescheid», erläutert Diggelmann. «Wir treffen uns alle zwei Wochen mit Vertretern sämtlicher Institutionen der Stadt und der Polizei am Runden Tisch und besprechen alles, was von Belang ist. Auch allfällige Probleme werden vorbehaltlos zur Sprache gebracht. Gestern verlief das Gespräch ohne Diskussion besonderer Vorkommnisse, nur noch der als Freizeit-/ Aufenthaltsraum geplante Container vor der Unterkunft war wegen der nötigen administrativen Formalitäten ein Thema. Gerade jetzt in der kälteren Jahreszeit ist so ein Raum nötig.» Diggelmann hebt die Bedeutung von «geordneten Tagesstrukturen hervor, wobei selber kochen eine zentrale Rolle spielt. Das klappt sehr gut.» Einkaufen, Kochen und Waschen sind Eckpfeiler im Tagesablauf. Jeder Flüchtling erhält von Bund/Kanton via ORS pro Tag ein Taschengeld von zwischen 8.50 und 13 Franken ausbezahlt. Es variiert je nach Aufenthaltsstatus und Beteiligung an Beschäftigungsprogrammen und kann von den Asylsuchenden selber eingeteilt werden.

Wer will, der kann

Die ORS AG bietet in Burgdorf wie andernorts Beschäftigungsprogramme an, bei denen sich arbeitswillige Asylbewerbende betätigen und ein wenig Geld verdienen können. Zehn Personen können pro Halbtag bei der Renovation von Trockenmauern im Diemtigtal Hand anlegen; 'die Arbeit ist auf dreieinhalb Tage verteilt. Die Entschädigung beträgt ca. 3 Franken pro Stunde. Weiter können vier bis sechs Personen gegen die gleiche Entschädigung K-Lumet-Anzündhilfen anfertigen. Diese werden dann zentral verkauft. Intact beschäftigt acht Personen bei Recycling-Arbeiten (je vier am Morgen und am Nachmittag). 22 Personen sind täglich für je eine Stunde gegen Bezahlung mit Arbeiten in der Asylunterkunft beschäftigt (allgemeines Putzen, Toilettenreinigung usw.). In Planung ist ein Littering-Projekt der Stadt Burgdorf, bei dem Flüchtlinge auf Strassen und Plätzen Abfall einsammeln sollen.

Integrationsprogramme

Fünf Gruppen erhalten zweimal pro Woche je drei Stunden Deutschunterricht durch eine Lehrpers9n, anschliessend müssen «Schulaufgaben» erledigt werden. In der Asylunterkunft ist ein Schulzimmer mit Pulten eingerichtet worden, wo erste Gehversuche in Deutsch mittels Bildern wie Sonne, Tisch, Besteck, Baum usw. unternommen werden. Die reformierte Kirche organisiert jeden Mittwochmorgen den interkulturellen Frauentreff im Gyri-Treff; dieses Angebot richtet sich an Frauen mit Kindern und neuerdings auch an die weiblichen Flüchtlinge vom Lindenfeld. Ab Dezember gibt es jeden Dienstag von 10.00 bis 11.00 Uhr im Kirchgemeindehaus Kaffee, am Freitag Nachmittag sind Kinder mit Müttern im «Gyri unterwäx» willkommen. Die Freikirche Pfingstmission bietet an drei Nachmittagen Beschäftigungen an: Eine Gruppe spielt Fussball, die andere Lotto oder macht Musik. Eine Privatperson bietet Montagabend begleitetes Basketball für Frauen und Dienstag oder Mittwoch Nähen an. Ganzjährig stehen an verschiedenen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten die Turnhallen Lindenfeld und im KV für sportliche Aktivitäten zur Verfügung, desgleichen das Rasenspielfeld.

Kommunikation ist wichtig

Ein «Endlos-Thema» in der Bevölkerung und den. Medien ist «das Handy, von dem angeblich jeder Flüchtling ein besonders teures besitzt und stundenlang damit telefoniert». Das ist nachweislich nicht der Fall. «Manche Flüchtlinge bringen ihr eigenes Handy mit. Andere arbeiten so schnell wie möglich und kaufen sich das billigste Handy-Modell. Im Ausland gibt es laut ORS-Mitarbeitenden dreckbillige> Anbieter, deren Angebote sich herumsprechen und genutzt werden», sagt Charlotte Gübeli. «Kommunikation ist für die Flüchtlinge zentral und überlebenswichtig », betont Andreas Diggelmann. «Sie müssen mit ihren Familien zu Hause kommunizieren.» Bezüglich der immer wieder gehörten Gefahren wie Diebstählen und sexuellen Belästigungen durch Asylbewerber empfiehlt Charlotte Gübeli, «skeptische Personen sollen doch mal eine «Züpfe» oder ein Kilo Äpfel kaufen und in der Asylunterkunft den Kontakt mit diesen Männern und Frauen suchen. Die jungen Männern sind höflich und anständig. Jetzt sieht man auch nicht mehr eine solche Massierung wie Anfang September, als sich alle rund .um den Steinhof aufhielten und dort auch am Boden sassen. Bei der Polizei, die ebenfalls am Runden Tisch teilnimmt, sind keine entsprechenden Vorfälle bekannt. Die Polizei ist regelmässig in und um die Asylunterkunft präsent. Bei gröberen Verstössen gegen die Hausordnung die allen im Detail bekannt ist würden die Betreffenden z.B. bei Anwendung von physischer Gewalt für vier Wochen ein Hausverbot erhalten und müssten sehen, wo sie in dieser Zeit bleiben. Trotzdem dürften sie zwar täglich ihre Tagesunterstützung abholen, jedoch nicht mehr im Zentrum, sondern beim Migrationsamt in Bern. Je nachdem könnten fehlbare Personen umgehend ausgeschafft werden.»

Quelle: D'Region, 2.12.2014



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