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"Asylbewerber räumen auf" - Bericht über Beschäftigungsprogramm Saubere Gemeinde

17. Juni 2014

Am 17. Juni erschien unter dem Titel "Asylbewerber räumen auf" ein Bericht über das Beschäftigungsprogramm Saubere Gemeinde in der Zürichsee-Zeitung:

Asylbewerber räumen auf

Asylbewerberinnen aus Meilen sammeln jedes Wochenende frühmorgens Abfall ein. Das Beschäftigungsprogramm macht ihren Alltag etwas abwechslungsreicher.

Zwei übernächtigte Jugendliche hauen einen Passanten am Bahnhof Meilen um Geld für ein Frühstück an. Ein wirklich dünnes Portemonnaie und nicht einmal ein eigenes Zuhause haben Tseten Dolkar, Mahsa Mahseni, Hager Tsfamaryim und Tsering Youdon. Betteln zu gehen, käme den Asylbewerberinnen aus Afghanistan, Eritrea und Tibet jedoch nicht in den Sinn.

Am Sonntagmorgen um sieben Uhr stehen sie in orangefarbenen Westen und bewaffnet mit Abfallsäcken, Handschuhen und Greifzangen auf dem Bahnhofplatz. Seit Anfang Mai (die ZSZ berichtete) sammeln sie jedes Wochenende zur frühen Stunde Abfall in den Seeanlagen und den Bahnhöfen Meilen und Herrliberg-Feldmeilen ein. Koordiniert wird das neue Beschäftigungsprogramm «Sauberes Meilen» von der Organisation für Regie- und Spezialaufträge (ORS).

Gowridhasan Vibulananthan bittet die Frauen, mit einer Unterschrift ihr Eintreffen zu bestätigen. Er leitet die Abfalltour und holt daneben mit einer Handschubkarre den Müll an den Orten ab, wo keine Niederflurcontainer vorhanden sind.

In Sri Lanka arbeitete Vibulananthan nach seinem Bachelorabschluss für die UNO als Kinderschutzbeauftragter. 2007 flüchtete der 40-Jährige mit seiner Familie in die Schweiz. Zurzeit besucht Vibulananthan, der die Aufenthaltsbewilligung C besitzt, an der Fachhochschule Nordwestschweiz einen CAS-Lehrgang in Migrationssensiblem Handeln. Zu seinem Job als Leiter des Beschäftigungsprogramms sagt er: «Ich bin hier genau richtig. Ich kenne die Probleme der Asylsuchenden – und sonntags arbeite ich gerne.»

Saubere WM-Fans

Die Afghanin Mahsa Mahseni und die Eritreerin Hager Tsfamaryim suchen jede Ecke der Seeanlage Meilen gründlich nach Müll ab. Im Gegensatz zum letzten Pfingstwochenende schleifen sie spärlich gefüllte Säcke hinter sich her.

Kurz nach acht Uhr treffen Tseten Dolkar und Tsering Youdon im Feldner Teien-Park ein. «Auf dem Bahnhofweg in Feldmeilen hatte es am meisten Abfall, vor allem Zigarettenstummel», sagt Tseten Dolkar. In den tibetischen Döfern liege wenig Unrat auf der Strasse, weil es dort nicht so viele Produkte wie hier gebe, stellen die Tibeterinnen fest. Dolkar flüchtete vor zwei Jahren in die Schweiz. Den Mann und die siebenjährige Tochter musste sie zurücklassen. «Ich sah meine Familie vor zwei Jahren das letzte Mal», sagt Dolkar. Nach Hause telefonieren kann die 34-Jährige nicht jederzeit. «Bei Demonstrationen sind alle Linien tot.» Tsering Youdon ist zu ihrer Wegbegleiterin geworden. Sie lernte die 24-Jährige im Empfangszentrum Kreuzlingen kennen. Zurzeit sind die beiden im Asylheim an der Dorfstrasse in Meilen untergebracht.

Immer Wochenende

Die Abfallsammlerinnen sagen, dass sie der Gemeinde Meilen gerne etwas zurückgeben. «Auch macht es uns nichts aus, am Wochenende früh aufzustehen. Wir haben immer Wochenende», sagt Youdon, die vor ihrer Flucht auf dem elterlichen Bauernhof arbeitete. Als Asylsuchende bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als sich die Zeit mit Fernsehen und Schlafen zu vertreiben. Froh sind die Frauen, dass sie dreimal pro Woche einen Deutschkurs besuchen können. «Manchmal beginnt der Unterricht aber wieder bei null, weil immer andere Lehrer kommen», bedauert Youdon.

Um halb neun Uhr schütten die Tibeterinnen zwei halbvolle Säcke in den Niederflurcontainer aus. Wieder mit nehmen sie den Traum von «den Papieren» und einer Ausbildung als Altenpflegerin, um bald einer richtigen Arbeit nachgehen zu können.

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Infokasten

Weniger Bussen und Reibereien

Pro Einsatz erhalten die Teilnehmer eine Motivationszulage von 12.50 Franken. Ein höherer Betrag liegt nicht drin, da Asylbewerber beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) keinen Anspruch auf eine Arbeitsbewilligung haben und damit den für einen Lohn nötigen Arbeitsvertrag nicht abschliessen können. Die Motivationszulage verbessert die Situation der Asylbewerber jedoch spürbar. In anderen Gemeinden laufen die Beschäftigungsprogramme schon länger. Laut Lukas Kilchmann, Zuständiger für das Beschäftigungsprogramm, stellte die ORS dort fest, dass die Bussen von Asylsuchenden im öffentlichen Verkehr zurückgehen und in den Unterkünften weniger Reibereien entstehen. Auch suchen die Asylbewerber weniger häufig einen Arzt auf. Kilchmann vermutet, dass die Leute sich dank des Programms «einfach besser fühlen».

 

Quelle: Zürichsee-Zeitung, 17.04.2014, Autorin: Bettina Zanni

 



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