standard

Vom Asylsuchenden zum Betreuer

22. April 2013

Zwei Mitarbeiter der ORS erzählen von ihrem Weg, wie sie als Flüchtlinge nach Europa kamen und nun als Betreuer für Asylsuchende arbeiten.

Es ist gerade ihre eigene Vergangenheit, die sie in ihrem täglichen Arbeitsleben begleitet. Sie verstehen die Sorgen der zu betreuenden Personen und stellen sie oft in einen anderen Rahmen; denn auch sie haben das Asylverfahren durchlaufen, mussten eine neue Sprache lernen und sich in der Schweiz integrieren.

 

Wie alt waren Sie, als Sie in die Schweiz kamen?

B. A.: Ich war 13 Jahre alt, als ich in die Schweiz kam.

L. B.: Als ich in die Schweiz floh, war ich bereits 34 Jahre alt.

 

Wie sind Sie in die Schweiz gekommen?

B. A.: Mein Vater ist bereits vor uns, also der Familie, von Rumänien über die jugoslawische Grenze geflüchtet. Er stellte einen Asylantrag in Österreich. Sowohl Kanada als auch die Schweiz haben sich bereit erklärt, unsere Familie als politische Flüchtlinge aufzunehmen. Meine Eltern entschieden sich dann für die Schweiz. Wir, also der Rest der Familie, reisten eineinhalb Jahre nach der Flucht unseres Vaters aus Rumänien aus, und zwar im Rahmen des Abkommens über Familienzusammenführung.

L. B.: Ich möchte nicht im Detail auf alle Wege und Umwege meiner Flucht eingehen. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich gemeinsam mit meinem Sohn flüchtete. Er war damals erst zehn Jahre alt. 

 

Sie haben die erste Zeit in einem Empfangszentrum verbracht. Wie lange waren Sie dort? Was sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

B. A.: Wir lebten die erste Zeit im Flüchtlingslager in Traiskirchen, südwestlich von Wien. Gemeinsam mit meiner Familie waren wir für rund ein halbes Jahr dort. Ganz am Anfang wurden wir in einem grossen Saal mit anderen Familien untergebracht. Etwas Privatsphäre hatten wir nur, weil wir die  Bettdecken über den Etagenbetten aufhängten. Später kamen wir zu viert in einem kleinen Zimmer in den Baracken unter. Dort war es, den Umständen entsprechend, recht «wohnlich». Meine Schwester und ich kamen gleich von Anfang an in eine öffentliche Schule, was nicht ganz einfach war, weil wir kein Wort Deutsch sprachen.

L. B.: Ich stellte mein Asylgesuch im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in Kreuzlingen. Die Erinnerungen an diese Zeit kann ich nur schwer in Worte fassen. Meine erste Gedanken waren: Man hört keine Bomben fallen, man hört keine Schüsse. Wir sind in Sicherheit. Zugleich kam im EVZ aber auch die Angst vor der Zukunft auf. Was kommt auf uns zu? Wohin gehen wir? Das Fremde, die sprachlichen Komplikationen und die grosse Ungewissheit machten mir zu schaffen. Nach dem Transfer in ein kantonales Durchgangszentrum lernte ich dann die ersten Leute kennen. Wir waren alle aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Mit ihnen konnte ich mich in der Schweiz erstmals wirklich mit jemandem austauschen.

 

Wie war es für Sie, als sie Ihren Asylentscheid erhielten?

B. A.: Wir waren sehr glücklich, als wir erfuhren, dass uns die Schweiz Asyl gewähren würde. Der Druck war weg. Zeitgleich erfuhr mein Vater, dass er eine Arbeit bei einer Firma für Formenbau kriegen würde. Zudem vermittelte uns die Firma eine Wohnung. Unser neues Leben in der Schweiz begann sehr gut.

L. B.: Das ist schwierig zu sagen. Zuerst bekam ich den Status einer vorläufig Aufgenommen (VA mit Status F). Ich hatte also noch keine Garantie, dass ich in der Schweiz würde bleiben können. Ich muss ehrlich sagen: Ich war enttäuscht und traurig. Mein erster Gedanke war, dass ich nun schon wieder in Ungewissheit leben muss. Sieben Jahre Krieg, immer mit der Angst verbunden, sterben zu müssen, dann drei Jahre lang ohne Entscheid und dann «nur» die vorläufige Aufnahme, Das klang für mich auch nicht gerade vielversprechend. Ich wollte einfach ein normales Leben führen, einen Deutschkurs besuchen, arbeiten und unabhängig sein. Nach sieben Jahren bekam ich meine Aufenthaltsbewilligung B.

 

Waren Sie je wieder in Ihrer Heimat?

B. A.: Ja, nach dem Umsturz.

L. B.: Nach fast neun Jahren war ich wieder in meinem Heimatland.

 

Wie war das für Sie?

B. A.: Sehr emotional. Es war schön, jenen Ort wiederzusehen, an dem ich als Kind aufwuchs und mit welchem so viele glückliche Erinnerungen verbunden sind. Und natürlich war es auch wunderbar, all die Verwandten und Freunde wiederzusehen. Seitdem war ich schon sehr oft wieder in Transsilvanien, und ich freue mich immer wieder, dorthin zurückzukehren.

L. B.: Die Gefühle sind schwierig zu beschreiben. Als ich meine Stadt verliess, war sie von den Bomben völlig zerstört. Kaum ein Gebäude war ganz geblieben. Ein grauenvolles Bild in der Erinnerung. In meinen Gedanken war sie so geblieben: eine graue, zerstörte, total verbrannte Stadt. Als ich das erste Mal nach langer Zeit mein Land und meine Stadt wiedersah, erkannte ich nichts mehr. Ich hatte Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Das berührte mich sehr, und ich war unendlich glücklich, dass mein Land wieder voller Leben war. Es waren so viele Emotionen da, das kann ich gar nicht richtig beschreiben. Aber es machte mich sehr glücklich.

 

Womit hatten Sie anfänglich in der Schweiz am meisten zu kämpfen?

B. A.: Am meisten zu schaffen machte mir die Sprache, die ich in sehr kurzer Zeit lernen musste. Wenn man dreizehn Jahre alt ist, steckt man gerade in dem Alter, in dem in Bezug auf die Ausbildung wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden. Anderseits musste ich aber auch Aufgaben und Pflichten meiner Eltern übernehmen und viel für sie erledigen. Das konnte ich aber nur, weil ich die Sprache rasch lernte. Meine Eltern waren erst viel später in der Lage, sich problemlos auf Deutsch zu verständigen.

L. B.: Am Anfang fühlte ich mich komplett verloren. Ich konnte die Sprache nicht, hatte keine Gewissheit, ob ich hier bleiben darf, keine Arbeit, keine Freunde …. Das war sehr schwierig. Ich musste immer und für alles jemanden um Hilfe bitten, was ich sehr ungern mache. Aber heute habe ich meinen Job, Sprachprobleme habe ich fast keine mehr und gute Freunde habe ich auch gefunden. Und heute weiss ich auch, dass ich hier bleiben darf.

 

Was war von Anfang an einfach?

B. A.: Naturwissenschaftliche Fächer in der Schule. Da war ich von meiner Schulzeit in Rumänien den hiesigen Schülern mindestens ebenbürtig,… und Sport.

L. B.: Für mich nichts.

 

Wann haben Sie entschieden, auch einmal Asylsuchende und Flüchtlinge betreuen zu wollen?

B. A.: Nach meiner Ausbildung als Maschinenzeichner war ich lange Zeit in Südamerika. Als ich aus familiären Gründen wieder in die Schweiz zurückkehrte, machte ich mich auf Stellensuche und nahm die Stelle als Betreuer für Asylsuchende an. Das war vor zehn Jahren.

L. B.: Ich bin eigentlich gelernte kaufmännische Angestellte. Vor dem Krieg habe ich aber vier Jahre lang im Sozialbereich gearbeitet. Da ich selber durch das Asylverfahren ging, weiss ich, was Asylsuchende durchmachen. Ich denke, dass ich genau deshalb gut geeignet bin für diese Aufgabe.

 

Was wollen Sie Asylsuchenden heute mit auf ihren Weg geben?

B. A.: Ich erachte es als durchaus wichtig, dass sie möglichst schnell die Sprache lernen, denn dies eröffnet ihnen den Weg, um sowohl Kultur wie auch Leute ihres Gastlandes besser kennenzulernen. Und dann geht es auch darum, sich – im Falle eines positiven Entscheids – um eine Arbeit zu bemühen.

L. B.: Man darf nie aufgeben, soll immer positiv denken und alles versuchen. Am allerwichtigsten ist es, sich so schnell wie möglich zu integrieren.

 

Wovon träumen Sie noch?

B. A.: Ich zähle mich zu jenen glücklichen Menschen, die schon viele ihrer Träume verwirklichen konnten. Ich habe viel von der Welt gesehen, und das schätze ich. Sollte es mir gegönnt sein, meinen Sohn gesund und glücklich zu einem jungen Mann heranwachsen zu sehen, dann bin ich schon mehr als zufrieden.

L. B.: Ich möchte meine Deutschkenntnisse noch weiter verbessern und sehr gerne eine weitere Ausbildung absolvieren. Das wäre mein Traum.



ORS Service AG News