standard

Als Pflegefachfrau bei der ORS

23. Oktober 2013

Die Berufe im Bereich der Asylbetreuung und damit auch bei der ORS sind vielfältig. Im Kanton Fribourg beschäftigt die ORS zwei Pflegefachpersonen, die eine medizinische Sprechstunde für die Asylsuchenden anbieten. Eine von ihnen ist Susanne Jovanovic. Sie ist ausgebildete Pflegefachfrau und arbeitet seit 2008 bei der ORS.

Frau Jovanovic, wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich arbeite 60 Prozent, also drei Tage pro Woche, immer Dienstag bis Donnerstag. Mein Kollege arbeitet 80 Prozent. Zwischen halb acht und acht beginnt meine Sprechstunde. Mein Büro habe ich im Foyer de la Poya in der Stadt Fribourg. Aber auch in anderen Zentren haben wir ein Zimmer. Dort können die Asylsuchenden zu mir kommen, wenn sie sich krank fühlen, wenn sie Fragen und Probleme haben, auch psychischer Art, oder wenn einfach ein Verband gewechselt werden muss.

Wenn ich fertig bin um 12, halb 1, mache ich eine Pause und gehe dann weiter in ein anderes Asylzentrum. Dort mache ich das gleiche bis abends um 5, halb 6, manchmal auch länger, wenn viele Leute kommen oder es viel zu organisieren gibt.

Mein Kollege und ich versuchen, uns mindestens einmal in der Woche zu treffen. Wenn das nicht klappt, telefonieren wir regelmässig. Wir haben auch ein kleines Büchlein, mit dem wir eine Übergabe machen und in dem wir Wichtiges festhalten.

Welche Aufgaben übernehmen Sie?

Die Asylsuchenden wissen, dass sie nicht direkt zum Arzt gehen können und erst zu uns kommen müssen. Das gilt auch für Asylsuchende, die schon mehrere Jahre hier sind.

Wenn Asylsuchende mit kleineren gesundheitlichen Beschwerden wie Grippe oder kleinen Verletzungen zu mir kommen, habe ich alles da: Verband, Salbe, Tabletten und Hustensaft usw. Wenn jemand wiederholt kommt und die Beschwerden nicht besser geworden sind, dann schicke ich diese Person zum Arzt.

Wenn der Arzt die Person an einen Facharzt überweist oder ihr Medikamente verschreibt, dann organisiere ich die Termine oder die Medikamentenabgabe. Und einmal in der Woche, mittwochs, besuche ich die Asylsuchenden zuhause. Das habe ich so eingeführt.

Warum haben Sie das eingeführt?

Um die Leute zu begleiten und zu sehen, wie sie leben und wo sie leben. Ich begleite auch Schwangere, junge Mütter mit ihren Kleinkindern, Elternpaare, verschiedene Asylsuchende mit verschiedenen Problemstellungen. So kann ich mir die Gesamtsituation bei den Leuten zuhause anschauen. Wenn ich mit der betroffenen Person nicht kommunizieren kann, organisiere ich eine Übersetzerin oder einen Übersetzer. Manchmal nehme ich auch die Sozialarbeiter mit. Diese können durch die gemeinsamen Besuche auch für ihre Arbeit relevante Erkenntnisse gewinnen.

Wenn beispielsweise ein Asylsuchender eine Bestätigung von einem Arzt bekommt, auf der steht „Ich empfehle, die Wohnung zu wechseln, weil der Patient an Asthma leidet und die Wohnung schuld daran ist", ist das für uns nicht verpflichtend. Deshalb gehen die Sozialarbeiter und auch ich in die Wohnung und schauen, ob es wirklich Probleme gibt, wie Schimmel etc. Oder ob der Asylsuchende bereits in seinem Heimatland gesundheitliche Beschwerden hatte und die Ursachen deshalb woanders liegen.

Ich kläre auch über allgemeine Hygieneregeln auf und gebe Informationen über richtiges Zähneputzen, richtige Kleidung, Waschen. Wenn es Allergien gibt, schaue ich mir die Wohnung und die Matratzen an, ob man da bereits die Ursachen beseitigen kann.

Was hat sich durch die Hausbesuche verändert?

Seit ich die Hausbesuche eingeführt habe, ist manches anders geworden. Die Hausbesuche erleichtern auch die Arbeit der Sozialarbeiter. Manchmal gibt es komplexe Situationen, z. B. bei Asylsuchenden mit psychischen Beeinträchtigungen. Diese Leute können mein Kollege und ich besser begleiten, weil wir dafür ausgebildet sind.

Ich selbst fühle mich nützlicher, wenn ich diesen halben Tag pro Woche nicht im Büro sitze. Sondern die Zeit dafür nutze, um zu sehen, was bei den Asylsuchenden zuhause los ist. Die Erkenntnisse von meinen Besuchen tausche ich auch mit den Sozialassistenten aus. Das klappt sehr gut.

Ich begleite die Asylsuchenden nicht bis zum Ende des Asylprozesses, aber oft in komplexen Situationen, wo es am Anfang Hilfestellung braucht. Wenn ich mit der Zeit sehe, dass diese Personen alles verstanden haben: Sie haben Französisch gelernt, sie haben sich gut integriert, sich gut eingelebt und organisiert, dann sage ich, schaut, ich komme jetzt einmal im Jahr. Wenn alles in Ordnung ist, sage ich, ihr wisst, wo wir sind. Wenn sie krank sind, kommen sie weiter zu uns, und sonst ist alles in Ordnung, ich gehe nicht mehr zu ihnen. Und das ist mein Ziel, dass sie selbstständig leben können.

Ich finde diese Vorgehensweise sehr gut. Die Asylsuchenden haben immer viele Fragen und sie respektieren mich als Pflegefachfrau. Sie sind daran gewöhnt, dass ich komme und sie begleite.

Gibt es Aufgaben, die über die eigentlichen Aufgaben einer Pflegefachperson hinausgehen?

Ja, genau das, dass man mehr und genauer zuhört als sonst. Wenn ein Asylsuchender zum Arzt geht und vielleicht auch noch einen Übersetzer braucht, dann ist die Zeit, die der Arzt sich für ihn nehmen kann, sehr schnell vorbei. Und ich möchte nicht das gleiche machen, ich möchte auch mal länger zuhören. Wenn jemand zum Beispiel zwei Monate immer wieder mit dem gleichen Beschwerden kommt und auch schon beim Arzt war und Untersuchungen gemacht hat, dann möchte ich auch zuhören und nehme mir die Zeit dafür.

Was passiert, wenn ausserhalb Ihrer Arbeitszeiten Bedarf besteht?

Die Zentrumsleiter der Asylunterkünfte wissen, dass sie uns immer telefonisch erreichen können. Wir entscheiden dann, ob und welche Medikamente abgegeben werden können, ob ich oder mein Kollege in der Unterkunft vorbeigehen oder ob der oder die Asylsuchende direkt zum Arzt oder in ein Spital geschickt werden soll. Bei besonders schweren Fällen oder wenn wir nicht erreichbar sein sollten, wird natürlich ein Arzt angerufen. Und wenn jemand ins Krankenhaus muss, wird entweder ein Taxi gerufen oder die Ambulanz.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Ärzten und Spitälern?

Wir haben eine Liste mit verschiedenen Ärzten, mit denen wir zusammenarbeiten. Diese Ärzte wissen, dass wir die Asylsuchenden zu ihnen schicken. Wir versuchen, uns an die Liste zu halten. Das geht nicht immer, zum Beispiel, wenn ein Asylsuchender zu einem Spezialisten überwiesen werden muss. Aber für diese Überweisung ist dann ein Arzt zuständig.

Manchmal telefoniere ich auch mit dem Arzt, z.B. wenn wir jemanden im Spital haben. Oder wenn jemand in der Psychiatrie ist: Dann gibt es ein Gespräch mit uns, bevor er oder sie entlassen wird. Wir besprechen mit dem Arzt das Vorgehen und die Bedürfnisse.

Wie funktioniert die sprachliche Verständigung? Gibt es oft Verständigungsprobleme?

Wenn ich sehe, dass ein Asylsuchender weder Deutsch, Französisch noch Englisch versteht, versuche ich über die überregionale Dolmetschervermittlungsstelle der Caritas für den Kanton Freiburg einen Übersetzer zu finden und koordiniere die Termine so, dass ein Übersetzer dabei ist. Das gilt auch für Termine mit Ärzten, die ich für die Asylsuchenden vereinbare.

Wie unterscheidet sich die Arbeit mit Asylsuchenden von Ihrer vorherigen Arbeit?

Bei meiner früheren Tätigkeit als Pflegefachfrau habe ich auch viel physisch gearbeitet. Ich habe mich mehr bewegt, Patienten gewaschen, Verbände gelegt oder Spritzen gegeben. Das habe ich jetzt sehr viel weniger, obwohl es auch vorkommt.

Jetzt habe ich mehr Personen mit psychischen Beeinträchtigungen. Sie kommen mit verschiedenen Beschwerden und möchten am liebsten alles auf einmal geheilt haben. Und ich sage den Asylsuchenden immer, dass man nicht alles auf einmal heilen kann. Man versucht es, aber man braucht Zeit. Und ich habe bemerkt, dass die Asylsuchenden in ihren Köpfen oft keine Vorstellung von Zeit haben.

Der Schwerpunkt der Arbeit ist also anders?

Die Schwerpunkte meiner Arbeit bei der ORS sind die Kontakte, das Sprechen, das Zuhören, die Leute zu verstehen und sie zu begleiten. Es ist eine fordernde Arbeit. Ich bin eine positive Person, sehr energisch und positiv, aber am Abend ist meine Batterie manchmal schon am Ende.

Während den Sprechstunden bin ich ja alleine mit den Asylsuchenden. Es kommt vor, dass ich ihre Sprache nicht verstehe, was die Kommunikation erschwert. Oft konnten die Asylsuchenden die psychischen Probleme, die sie haben, in ihrem Land nicht aussprechen. Vielleicht lebten sie in einem Land, wo Krieg herrscht und sie bombardiert wurden.… Für junge Menschen, auch Menschen, die vielleicht schon verheiratet sind, aber im Krieg aufgewachsen sind, für die ist das normal. Wenn sie dann nach Europa kommen, realisieren sie plötzlich, dass so eine Situation unnormal ist. Und dann fangen die Beschwerden an: Sie haben Kopfschmerzen, sie haben Blähungen, sie können nicht auf Toilette gehen. Sie beginnen sich zu fragen, warum … Das sind alles Dinge und Symptome eines anderen Lebens.

Wenn man das wirklich verstehen will, braucht man Zeit. Dann organisiere ich einen Übersetzer über die Caritas, und dann nehme ich mir die Zeit, meistens eine Stunde, manchmal braucht es mehr. Und für die Asylsuchenden ist es sehr wichtig, dass ich sie verstehe. Ich habe auch sehr viele positive Resultate. Weil ich den Asylsuchenden wirklich auch zuhöre. Ich versuche mir die Zeit zu nehmen, auch wenn es sehr viel Arbeit gibt. Manchmal hilft es, einen Ratschlag zu geben oder verschiedene Wege aufzuzeigen.

Was ist die grösste Herausforderung für Sie?

Der Kontakt mit Menschen verschiedenster Nationalitäten und die Menschen und ihre Mentalität zu verstehen. Man lernt die verschiedenen Mentalitäten, die verschiedenen Ethnien kennen und mit der Zeit auch zu verstehen und einzuordnen. Die Herausforderung ist, sie kennen zu lernen und zu wissen, wie sie leben, wie sie denken, welchen kulturellen Hintergrund sie haben.

Bei der ORS gibt es zum Glück die Möglichkeit, Weiterbildungskurse zu besuchen. Es gibt Kurse, in denen man etwas über bestimmte Ethnien und kulturelle Hintergründe lernen kann. Ich schaue jedes Mal ins Kursprogramm und wenn es so einen Kurs gibt, schreibe ich mich ein, um weitere Eigenheiten von Nationalitäten, Kulturen und Ethnien kennenzulernen.

Auch zwischen männlichen und weiblichen Patienten gibt es Unterschiede. Die Frauen haben es gerne, wenn sie zu mir kommen können. Ich habe das mit meinem Kollegen abgesprochen, dass bei Untersuchungen im Intimbereich ein Mann einen Mann untersucht und eine Frau eine Frau. Das ist eine Frage von Nähe und Distanz. Bei einfachen Verletzungen oder Schmerzen kommen natürlich auch Männer. Ich habe sowohl Männer als auch Frauen als Patienten.

Was schätzen Sie besonders an der Arbeit bei der ORS?

Wie bereits erwähnt schätze ich das Weiterbildungsangebot sehr. Was ich auch schätze, ist die Arbeitsatmosphäre. Ich fühle mich wohl bei der ORS. Auch die Zusammenarbeit mit meinem Chef und den Teams und auch mit den anderen Kolleginnen und Kollegen ist angenehm.



ORS Service AG News